So trotzt die Frankfurter Fintech-Szene der Krise

Die Corona-Krise stellt viele Fintech-Geschäftsmodelle auf die Probe. Vor allem der Zugang zu Kapital ist durch die Pandemie nicht leichter geworden. Hohe Kosten für Neukundenakquise und Produktentwicklung werden somit schnell zum Problem. Wie strategische Partnerschaften hier helfen können – und worauf es dabei einkommt: eine Kurzanalyse der Frankfurter Fintech-Szene.

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Ein Gastbeitrag von Joris Hensen, Innovation Manager und Co-Founder des API Programms der Deutschen Bank

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Zunächst müssen wir erst einmal klarstellen: Corona hat nicht nur negative Konsequenzen. Viele Fintechs profitieren vom veränderten Kundenverhalten. Durch den Wechsel ins Homeoffice, mobiles Arbeiten und die behördlichen Kontaktbeschränkungen ist es für immer mehr Menschen völlig normal, ihre Finanzen am Smartphone zu erledigen. Digitale Banking- und Trading-Angebote liegen dank Corona noch stärker im Trend als jemals zuvor. So stieg im vergangenen Jahr allein bei der Deutschen Bank die Zahl der Logins und Kunden über digitale Zugangskanälen um jeweils mehr als ein Drittel. Beim digitalen Wertpapierhandel verdoppelte sie sich sogar. Von vielen Frankfurter Fintechs hört man ähnliche Wachstumsraten.

Oft ist daher von Corona als „Turbo“ oder „Katalysator“ die Rede. Doch der hat zwei Richtungen, weil die Pandemie gleichzeitig den ökonomischen Druck verschärft. Speziell junge Unternehmen haben es nicht leicht. Investoren zeigen sich zurückhaltender, während die klassischen Wachstumshebel – Marketing, Sales und Produktentwicklung – mit hohen Kosten verbunden bleiben. Gerade in solch einer Situation sind strategische Partnerschaften wertvoll, denn sie ermöglichen Wachstum auf den Schultern etablierter Player.

Neukunden, Innovation, Umsatz: was Partnerschaften leisten können

Statt gegeneinander zu arbeiten, verbinden sich immer mehr Fintechs mit etablierten Banken. Denn was große Finanzunternehmen haben (Ressourcen, etablierte Marke, hohe Kundenreichweite), können Fintechs für sich nutzen. Gemeinsame Marketing-Aktivitäten können beispielsweise dabei helfen, Neukunden zu generieren. Die wechselseitige Integration und das Re-Selling von Produkten und Dienstleistungen können zudem ein Weg sein, um die Profitabilität zu verbessern Und durch gemeinsame Technologie- und Innovationspartnerschaften lassen sich die Kosten etwa für Produktentwicklung auf mehrere Schultern verteilen. Doch wie genau sieht das in der Praxis aus? Einige Beispiele aus der Frankfurter Fintech-Szene zeigen, wie es geht:

1. Finanzguru: API- und Marketingpartnerschaften

Die Finanzguru App ermöglicht Nutzern, Ausgaben zu optimieren und in günstigere Verträge zu wechseln. Hierfür arbeitet das Frankfurter Fintech unter anderem mit ausgewählten Strom- und Gasanbietern zusammen. Als strategischer API-Partner der Deutschen Bank profitiert Finanzguru zudem vom Zugang zu Premium-APIs, die deutlich über den Funktionsumfang gewöhnlicher PSD2-Schnittstellen hinausgehen. Auf diese Weise kann Finanzguru den Kunden der Deutschen Bank ein besonders komfortables Onboarding sowie personalisierte Funktionen anbieten. Ergänzt wird die technische Zusammenarbeit durch eine Marketing-Partnerschaft. In deren Rahmen bewirbt die Deutsche Bank das Fintech beispielsweise in ihrer Mobile-Banking-App, auf ihrer Webseite sowie in Newslettern.

2. Traxpay: Produkt- und Vertriebspartnerschaften

Im Gegensatz zu Finanzguru ist Traxpay ein lupenreines B2B-Fintech. Doch auch hier fußt das Geschäftsmodell auf strategischen Kooperationen. Neben der Nord/LB, LBBW und KfW Ipex zählt auch die Deutsche Bank zu den Partnern des Frankfurter Fintech, das sich auf Lieferkettenfinanzierung spezialisiert hat. Zusammen mit den kooperierenden Banken bietet Traxpay eine Plattform, über die Unternehmen ihre gute Bonität nutzen können, um ihre Lieferanten kurzfristig mit Liquidität zu versorgen und im Gegenzug Rabatte auf offene Rechnungen zu erhalten. Für Traxpay sind die Banken dabei mehr als „nur“ Finanzierungspartner. Sie sind zugleich Vertriebspartner, indem sie Traxpay in Pitches den Weg ebnen und ihr etabliertes Kundennetzwerk einbringen.

Vorteile für alle Beteiligten: Traxpay kooperiert mit Banken, um Unternehmen und ihre Lieferanten kostengünstig mit Liquidität zu versorgen

3. Creditshelf: Professionelle Investoren statt Privatpersonen

Ein weiteres B2B-Fintech aus Frankfurt ist das 2014 gegründete Creditshelf. Es ist angetreten, um die Kreditvergabe an bonitätsschwache kleine und mittelständische Unternehmen zu disruptieren. Das wiederum ist auch das erklärte Ziel von Crowdlending-Plattformen, bei denen sich Privatpersonen mit kleinen Beträgen als Kreditgeber engagieren können. Im Unterschied dazu setzt Creditshelf ausschließlich auf die Zusammenarbeit mit professionellen Investoren wie Fonds, Family-Offices, Asset-Manager und Banken. Partner sind unter anderem Commerzbank, Amsterdam Trade Bank sowie die Banco BNI Europa.

4. Flatex – Mit Degiro auf der Überholspur

Bezogen auf die abgewickelten Transaktionen gilt Flatex seit der Übernahme von Degiro als Europas größer Online Broker für Privatkunden – und liegt damit deutlich vor Konkurrenten wie beispielsweise Trade Republic aus Berlin. Gemeinsam mit seinen Schwestermarken wird Flatexdegiro 2021 voraussichtlich ca. 75-90 Millionen Transaktionen für bis zu 2 Millionen Kunden abwickeln. Das Fintech profitiert von der Verlagerung der Kundenaktivitäten ins Internet durch die Krise und dem steigenden Interesse an Aktien. Neben solchen externen Sondereffekten erkennen jedoch selbst Konkurrenten an: Flatexdegiro ist nicht zuletzt aufgrund seiner Innovationskraft so erfolgreich, beispielsweise hinsichtlich des selbstentwickelten, standardisierten Kernbankensystems. Darüber hinaus setzt Flatex auf Handels- und Vertriebspartnerschaften mit etablierten Banken. Hierzu zählen neben der Deutschen Bank beispielsweise auch Goldman Sachs, die UBS sowie Morgan Stanley. Bis spätestens 2025 sollen mehr als drei Millionen Kunden und jährlich mindestens 100 Millionen Transaktionen abgewickelt werden. Das Motto des CEOs Frank Niehage: „Wir werden die Volks-Broker sein“. 

5. Crowddesk – Partner auf mehreren Ebenen

Wie der Name verrät, geht es bei Crowddesk um das Thema Crowdfunding. Das Frankfurter Fintech bietet eine Software zur digitalen Kapitalaufnahme und -Vermittlung und ermöglicht so die Finanzierung von Projekten. Das 2015 gegründete Unternehmen setzt dabei gleich auf mehrere Partnerschaftsformen: Neben den Vertriebspartnern und den sogenannten „Solution Partnern“ gibt es die Möglichkeit, als „Value Adder“ eine Partnerschaft mit Crowddesk einzugehen. Darunter ist die Integration der Crowddesk Software zur Erweiterung des eigenen Geschäftsmodells zu verstehen. Ein Beispiel dafür ist die Kooperation mit der VR-Bank Würzburg, die in Zusammenarbeit mit Crowddesk die Crowdinvesting-Plattform „VR-Crowd“ ins Leben gerufen hat. Während Crowddesk die Infrastruktur bereitstellt und als Betreiber auftritt, bringt die VR-Bank Würzburg ihr Netzwerk für die Auswahl geeigneter Projekte ein. Nicht umsonst zählt Crowddesk zu den wachstumsstärksten Finanz-Startups in Deutschland.

6. Fastbill – Hand in Hand mit Fintech und Bank

„Das Leben ist zu kurz für Buchhaltung und Papierkram“ – das ist das Motto von Fastbill. Das Frankfurter Startup ermöglicht mit seiner Software, Ordnung in den Dschungel an Rechnungen, Belegen und Mahnungen zu bringen. Das kommt insbesondere Selbstständigen oder auch kleinen Unternehmen zugute. Fastbill kooperiert dafür mit Steuerberatern, die ihren Mandanten so zusätzliche Unterstützung bieten können. Darüber hinaus ist das Fintech eine Vertriebspartnerschaft mit der Deutschen Bank eingegangen: Wer ein Deutsche-Bank-Konto besitzt und Fastbill für die digitale Buchhaltung nutzen will, erhält 20 Prozent Rabatt. Zudem hat sich Fastbill schon 2018 mit dem Berliner Fintech Kontist zusammengetan und bietet damit eine Echtzeit-Synchronisierung zwischen Buchhaltungs- und Banking-Lösung. Ein weiterer Beleg für den Erfolg der Strategie „Wachstum durch Kooperation“.

Fazit und Ausblick: Herausforderungen gemeinsam schultern

Was können wir aus dieser kurzen Analyse schließen? Auch die Fintechs in Frankfurt profitieren vom aktuellen Digitalisierungsboom. Immer mehr von ihnen gehen strategische Partnerschaften oder Kooperationen ein, um zu wachsen. Dabei sind den Arten der Vernetzung kaum Grenzen gesetzt: Von der klassischen Beteiligung, über die API-Integration bis hin zum Sponsoring haben Fintechs erkannt, dass sie gemeinsam mit anderen mehr erreichen, als allein – und das nicht nur in der Krise.

Über den Autor

Joris Hensen verantwortet das API Programm der Deutschen Bank, das er Anfang 2015 mitbegründet hat. In seiner mehr als zehnjährigen Tätigkeit bei der Deutschen Bank war er in unterschiedlichen internationalen Projekten als Projekt- und Innovationsmanager tätig. Joris Hensen versteht sich als Intrapreneur und hat sich den Zukunftstrends in Hinblick darauf verschrieben, wie sie das Leben der Menschen verändern und verbessern können.

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