Business Angel Andreas Lukic: “Berlin kann das nicht bieten”

Wer einen Termin mit Andreas Lukic hat, der sollte unbedingt Zeit mitbringen. Lukic ist Business Angel der ersten Stunde und damit ein absoluter Experte, wenn es um die Gründerszene in Deutschland geht. Als Vorsitzender der Business Angels FrankfurtRheinMain bringt Lukic potenzielle Investoren mit Gründern zusammen und lernt dabei jedes Jahr 900 Geschäftsideen kennen. Es gibt also viel zu erzählen.

Andreas Lukic ist pünktlich, braucht aber noch kurz. Handy am Ohr, kurzes Zuwinken mit der einen Hand, dann das Zeichen mit der anderen: Fünf Minuten noch. Der Mann ist umtriebig, das merkt man sofort. Mehr als 20 Jahre als Business Angel hat Lukic bereits auf dem Buckel, ein Mann der ersten Stunde also. Ziemlich eingestaubt sei die Szene damals gewesen, meilenwert entfernt vom Selbstverständnis der Investoren im angelsächsischen Raum. Seit Ende der Neunziger investiert Lukic selbst in Startups, “mal mehr, mal weniger erfolgreich”. Berufsrisiko eben.

Im Jahr 2002 wurde der heute 48-Jährige Mitglied bei den Business Angels FrankfurtRheinMain und übernahm bald den Vorsitz des Vereins, seines Zeichens das größte Netzwerk aus Business Angels in Deutschland. 900 Startups kommen jedes Jahr auf die Organisation zu, 20 bis 30 Investments entstehen daraus. Damit es überhaupt soweit kommen konnte, musste Lukic Stück für Stück professionelle Strukturen und zahlreiche Kennenlern-Formate schaffen, um die Investoren aus dem Netzwerk des Vereins und Jungunternehmer zusammenbringen.

Wer den Business Angels FrankfurtRheinMain angehört, ist in den allermeisten Fällen Frühphasen-Investor. Konkret heißt das: Vergleichsweise kleine Summen bis maximal wenige hunderttausend Euro fließen in den ersten drei Jahren in ein Unternehmen.

“Guter Deal für beide Seiten”

Die Business Angels sind offen für alle Arten von Startups, schließlich gibt es alle paar Monate einen neuen Hype. Dennoch hat der Verein Schwerpunkte aufgebaut, etwa für den Themenblock Chemie – Pharma – Prozessindustrie – Biotech. “Hier haben wir gerade auf Unternehmensseite enormes Potenzial in unserer Region und und vergeben beispielsweise den Achema-Gründerpreis”, erklärt Lukic und nennt Merck aus Darmstadt als industriellen Vorreiter.

Ein weiterer Branchenfokus der Business Angels FrankfurtRheinMain liegt auf Tech-Startups, vor allem Proptech, Insurtech und Fintech. Hier gehen die Investments auch mal deutlich über Seed und Early Stage hinaus, zum Teil liegen sie sogar im Millionenbereich. “Super Angels” nennt Lukic diese Investoren, die in seinem Netzwerk eher die Ausnahme sind. Inzwischen haben die Business Angels zusammen mit dem Verband Frankfurt Main Finance einige in Europa führende Formate für diesen Sektor etabliert, unter anderem den FintechGermany Award. “Dadurch wollen wir auch den Dreiklang Gründer – Investoren – Industriepartner am Finanzplatz Frankfurt mit Leben füllen”, so Lukic.

Unabhängig von Summen in einer bestimmten Größenordnung geht es Lukic vor allem darum, Startup und Investor ein Forum zu bieten, das “einen guten Deal für beide Seiten” ermöglicht. Dabei setzt der gebürtige Pforzheimer auf eine Kultur des persönlichen Austauschs: Von Online Matchings etwa hält Lukic wenig, geschlossene Veranstaltungen mit ausreichend Raum zum Kennenlernen sind eher die Welt der Business Angels FrankfurtRheinMain, angelehnt an die Vorbilder aus den USA.

“Innovationsstandort gemeinsam voranbringen”

Dass die regionale Investoren-Szene in den letzten Jahren deutlich aktiver geworden ist und Frankfurt, Darmstadt oder Mainz immer häufiger erfolgreiche Startups hervorbringen, ist für Andreas Lukic nicht weiter überraschend. Er greift zum Berlin-Vergleich und sieht das Rhein-Main-Gebiet in zwei Bereichen vorne: Geschäftsinfrastruktur und Finanzierungskette. “Wenn die Gründerszene weiter florieren soll, ist ein Finanzplatz ein entscheidender Erfolgsfaktor. Man sieht es an den globalen Top-Gründerstandorten, die stets auch führender Finanzplatz sind: San Francisco, New York, Boston oder London. Frankfurt ist der wichtigste Finanzplatz Kontinentaleuropas und vereint alle Finanzierungs- und Finanzdienstleistungssegmente. Daneben verfügen wir über breite, solide und vielfältige Industriesegmente. Berlin kann das nicht bieten”, führt Lukic aus.

Das größte Manko sieht Lukic im Silodenken einzelner Akteure. Während das Netzwerken und der Austausch bei den Amerikanern quasi in der DNA verankert seien, fehle es dem Ökosystem FrankfurtRheinMain an Initiativen, um die isolierten Potenziale zusammenführen. “Während man in den USA und Großbritannien per se stärker in der Investoren-Gemeinschaft denkt, kochen hier viele ihr eigenes Süppchen. Wir haben mehr davon, wenn wir unsere Stärken bündeln und so unseren Innovationsstandort gemeinsam voranbringen.” Auf Investorenseite gehen die Business Angels FrankfurtRheinMain mit gutem Beispiel voran: In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Vereinsmitglieder stets um mehr als 10 Prozent gewachsen, die Angebote für Gründer und Investoren wurden zudem kontinuierlich ausgebaut.

“Zweite Liga – mit Aufstiegschancen”

Lukic zieht die Vergleiche mit den großen Hotspots relativ häufig. So drängt sich die Frage auf, ob kulturelle Unterschiede dafür verantwortlich seien, dass man sich international nicht auf Augenhöhe befindet? “Nein, dieses Argument zählt wenig. Wer beispielsweise behauptet, dass es in Deutschland keine Kultur des Scheiterns gibt, der soll sich mal den Mittelstand anschauen. Hier gab es schon immer mutige Unternehmer, bei denen der Erfolg auch mal ausblieb”, verdeutlicht Lukic. “Deutschland holt auf. Wir spielen momentan in der zweiten Liga – mit Aufstiegschancen”, so seine Einschätzung. Lukic sagt allerdings auch: ”Die Champions League ist sehr weit weg”.

Als Vorsitzender der Business Angels FrankfurtRheinMain bietet Lukic Foren und Plattformen, öffnet Netzwerke, fördert Austausch. Das prägt. Lukic analysiert scharf und ist stets um eine differenzierte Einschätzung bemüht. Ob es denn Technologien gibt, mit denen deutsche Unternehmer noch zum Pionier werden könnten? “Schwierig”, meint Lukic. Google und Co. hätten “eine Tech-Pipeline von etwa drei bis vier Jahren. Und wir können uns nicht mal im Ansatz vorstellen, was da alles drin ‘versteckt’ ist.” Aber: “Wir können die große Mitte bearbeiten, und nicht unwesentliche Marktanteile für uns gewinnen.” Darin, so Lukic, seien wir in Deutschland nämlich schon immer gut gewesen. Und darauf lasse sich aufbauen.