In der Nische: ChemSquare krempelt Pharma-Branche um

Das Frankfurter Startup ChemSquare wurde Ende 2018 ausgewählt, Teil des renommierten APX-Accelerators von Axel Springer und Porsche zu werden. Die Gründer David Schneider (l.) und Florian Hildebrand haben sich auf eine echte Nische spezialisiert: Die Bündelung und Bereitstellung von Auditberichten über Pharma-Unternehmen. Mit diesem Geschäftsmodell ist ChemSquare drauf und dran, eine ganze Industrie grundlegend zu verändern.

Am Anfang stand wie immer eine Idee: Der Frankfurter David Schneider war 2017 im Hauptberuf als Berater für McKinsey tätig, als er sich fragte, ob man Chemikalien nicht auch über das Internet handeln könnte. Auf der Suche nach möglichen Investoren stieß er auf den Klöckner-Konzern, einen der größten Stahl- und Metalldistributoren in Europa. Ein Deal kam nicht zustande, dafür lernte Schneider Florian Hildebrand kennen, den damaligen Assistenten von Klöckner-CEO Gisbert Rühl.

Schnell war Hildebrand und Schneider klar, dass sie zusammenarbeiten möchten. Anfang 2018 stieg Hildebrand in das Unternehmen ein – die Anfangszeit war jedoch alles andere als erfolgreich. “Unser erstes Produkt, den Marktplatz für Chemikalien, haben wir gegen die Wand gefahren”, erklärt der 28-Jährige maximal unverblümt. Die beiden Junggründer hatten die Komplexität eines etablierten Marktes unterschätzt.

Neuer Partner bringt die Wende

Woran es Schneider und Hildebrand zunächst vor allem mangelte, war branchenspezifisches Know-How. Entsprechend groß war die Motivation für einen Neustart, als im Sommer Orthomol, Spezialist für Nahrungsergänzungsmittel, als strategischer Partner einstieg. In einem ersten Workshop mit dem Unternehmen und weiteren Industriepartnern wurden mögliche Geschäftsmodelle diskutiert und so das Fundament für den Pivot gelegt.

Die ChemSquare-Gründer identifizierten ein grundlegendes Problem: Den hohen Aufwand und die mangelnde Transparenz bei sogenannten Lieferanten-Audits. Audits gelten in der Pharma- und Lebensmittelbranche als wichtigstes Instrument zur Qualitätssicherung: Anerkannte und qualifizierte Prüfer, die Auditoren, besuchen regelmäßig Produzenten und Händler, analysieren sie auf unterschiedliche Qualitätskriterien und stellen schließlich Zertifikate aus.  

‘Audit-Tourismus’ war einmal

Während Audits gerade im Umgang mit sensiblen Rohstoffen eine absolute Notwendigkeit darstellen, geht ihre Umsetzung bis heute rein analog vonstatten. Aufgrund der schieren Masse an Audits – ein Unternehmen wird bis zu 120-mal im Jahr auditiert – spricht man in der Branche in diesem Zusammenhang von einem regelrechten Tourismus. Und dieser, so Schneider, “kostet alle Beteiligten vor allem Geld und Zeit”. Genau hier setzen er und sein Geschäftspartner mit dem ‘neuen’ ChemSquare an.

Neben einer Suchplattform für Rohstoffe und Lieferanten bieten die Gründer Unternehmen aus der Pharma- und Lebensmittelindustrie nun die Möglichkeit, Auditberichte zu Produzenten, Verpackungsherstellern, Laboren oder Distributoren anzufragen. Für die Lieferanten sinkt so die Anzahl der Audits drastisch und ihre Kunden müssen nicht mehr zwingend persönlich die Qualität der Partner überprüfen. Der größte Vorteil entsteht jedoch für die Auditoren selbst: Sie können ihre aufwändigen Berichte nun über ChemSquare mehrfach verkaufen.

“Optimale Voraussetzungen für starke Startup-Kultur”

Im Oktober 2018 ist ChemSquare mit seinem neuen Geschäftsmodell an den Start gegangen und bietet Unternehmen seitdem Zugriff auf mehr als 1,000 Auditberichte. Das Echo aus der Industrie ist laut Hildebrand extrem positiv. Zwar habe ‘Audit-Sharing’ bereits in der Vergangenheit stattgefunden, jedoch in erster Linie über persönliche und analoge Netzwerke. ChemSquare nimmt in diesem sensiblen Prozess nun die Mittlerrolle ein, wahrt die nötige Diskretion zwischen den Parteien und kassiert dafür eine Provision.  

Durch die Teilnahme am APX Accelerator pendeln die Chemsquare-Gründer nun verstärkt zwischen Berlin und Frankfurt. Während sie die Hauptstadt als Zentrum der deutschen Startup-Szene zu schätzen wissen, bringt der Standort Frankfurt laut Schneider entscheidende Vorteile mit sich: “Aufgrund der guten strukturellen Anbindung, der Präsenz exzellenter technischer Universitäten und der Nähe zur Industrie bietet das Rhein-Main-Gebiet optimale Voraussetzungen für eine starke Startup-Kultur. Lediglich das VC-Umfeld ist hier etwas unterbesetzt aber da Gründer den Großteil ihrer Zeit nicht mit Investoren sondern Kunden verbringen sollten, sehe ich das als weniger kritisches Problem.”

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