Hessischer Innovationskongress: Von etablierter Erfinderkultur zu gelebter Innovationskultur

Am 15. November findet im Gesellschaftshaus des Frankfurter Palmengarten zum zweiten Mal der Hessische Innovationskongress des Technologielandes Hessen statt. Der Kongress wird von Hessen Trade & Invest (HTAI) im Auftrag des hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung organisiert. Das Event bietet neben Fachvorträgen zu Digital- und Technologiethemen vor allem eine Plattform für Start-ups und etablierte Unternehmen, um sich kennenzulernen und auszutauschen – und so im Idealfall eine Grundlage für dynamische Kooperationen zu schaffen. Woran es in Sachen Innovationskultur gerade beim Mittelstand noch hakt, unter anderem darüber haben wir mit Dolores Reisenauer, Projektmanagerin des Hessischen Innovationskongresses, gesprochen.  

Frau Reisenauer, hinter dem Hessischen Innovationskongress steckt die Initiative Technologieland Hessen. Klären Sie uns bitte kurz auf: Was genau tun Sie?

Wir beraten und unterstützen bei der Entwicklung, Anwendung und Vermarktung von Schlüsseltechnologien. Dabei informieren wir über Förderprogramme und vernetzen die richtigen Partner. Wir haben schon eine gute Erfinderkultur in Hessen. Es gibt in unserem Bundesland neben vielen klugen Köpfen auch sehr gute Hochschulen, die selbst innovativ sind. Nun gilt es, das ökonomische Potential von Forschungsergebnissen in der Wirtschaft zu verwerten. Deshalb schaffen wir Angebote im Technologieland Hessen, die daraus eine neue, lebendige Innovationskultur entstehen lassen. Als Wirtschaftsförderer wollen wir die Lücke schließen und den Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft stärken.

Welche Aufgabe übernimmt hier der Hessische Innovationskongress?

Zunächst einmal bieten wir mit dem Kongress ein Forum für den persönlichen Austausch zwischen Start-ups, Mittelständlern und allen, die sich für Innovation interessieren. Das ist wichtig, denn nur so bekommen etablierte Unternehmen einen Eindruck vom Spirit junger Unternehmer und diese wiederum ein Gefühl für die Kultur in gewachsenen Unternehmen. Darüber hinaus sind wir thematisch sehr breit aufgestellt und wollen bei der Veranstaltung alle relevanten Technologien abbilden. Unser Credo lautet: Eine fachübergreifende Vernetzung ist erforderlich, um echte Innovation bewirken zu können.

Der Innovationskongress findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Auf was können sich die Besucher freuen?

Die Premiere war ein voller Erfolg. In diesem Jahr sind wir sogar kurz davor, die Teilnehmerzahl zu verdoppeln. Neben der Tatsache, dass wir offensichtlich ein starkes Konzept haben, zeigt diese Entwicklung auch, dass es einen großen Bedarf gibt, Innovation zu fördern und Austausch zu ermöglichen. Neben einem spannenden Programm mit hochkarätigen Speakern wie zum Beispiel dem Bestseller-Autor und Business-Romantiker Tim Leberecht gibt es in diesem Jahr erstmals das “Innovation Cinema”, wo das Thema Innovation in seinen unterschiedlichsten Facetten in Form von Kurzfilmen aufgegriffen wird.

Schauen wir auf den Innovationsstandort Deutschland: Wo stehen wir im internationalen Vergleich?

Wir brauchen uns da ganz sicher nicht verstecken. Die vielbesungene “German Angst” spielt hier aber eine wichtige Rolle. Sie impliziert, dass jede neue Technologie erstmal mit Misstrauen beäugt wird, vielfach aus Unverständnis oder einer diffusen Unsicherheit. Der Begriff an sich klingt sicherlich ganz lustig, ist aber ökonomisch hoch ernst, möchte man technologisch nicht abgehängt werden. Ein anderes Thema ist die Fehlerkultur, deren Akzeptanz wir unterstützen. Zudem geht es uns in Deutschland schlicht zu gut, um Innovationen entscheidend treiben zu müssen. Wir haben eine sehr stabile Wirtschaftslage, die nach wie vor interessante Arbeitsplätze anbietet. Warum sollte man da das Risiko eingehen, selbst Unternehmer zu werden?

Sagen Sie es uns!

Nun, es ist einfach toll, innovativ zu sein und so Innovationskultur mitzugestalten. Wer diese intrinsische Motivation in sich trägt, hat gute Voraussetzungen, auch erfolgreich zu gründen. “Startup” ist heute ein Lifestyle geworden, vielen geht es dabei nicht mehr unbedingt um Innovation und echtes Unternehmertum. Doch ein erfolgreicher Unternehmer braucht etwas Anschub, Gründen muss auch ein bisschen wehtun. Persönlichkeiten, die das wollen und können, möchten wir mit verschieden Programmen des Landes Hessen entsprechend fördern.

Können Sie uns Beispiele nennen, die mit Ihrer Unterstützung erfolgreich geworden sind?

Erfolgsgeschichten sind besipielsweise AST@home, ein Atemschnelltester bzw. e-Health Device zum Verlaufsmonitoring von COPD-Patienten und die etaopt GmbH, die eine effiziente Saug-Hebevorrichtung entwickelt hat, die den Energiebedarf in produzierenden Unternehmen stark reduzieren kann und zugleich die Umwelt in einem erheblichen Maße schont.

Wie sieht es in der etablierten Unternehmen aus? Gerade der Mittelstand hat bei der Innovationskraft noch Luft nach oben, oder?

In der Tat. Mittelständler sind in der Regel schon sehr lange am Markt, wachsen organisch und gesund. Sie spüren zwar einen gewissen Innovationsdruck, der letzte “Push” aber findet oft nicht statt. Häufig lassen es die Strukturen nicht zu, sich im benötigten Maße mit Innovationsthemen auseinanderzusetzen oder es fehlt schlicht die Zeit.

Das ist nicht ungefährlich.

Viele Mittelständler haben Angst vor Disruption. Es gibt das Bild von der Ketchup-Flasche, die man umdreht: Erst kommt lange nichts, dann alles auf einmal. Genauso ist es mit Disruption. Nehmen wir das Beispiel Elektromobilität: Wir müssen vermeiden, dass der Zulieferer in seinen etablierten Strukturen von jetzt auf gleich die Komponenten und Dienstleistungen von morgen anbieten muss.

Wie kann man einem solchen Schreckensszenario entgegenwirken?

Wichtig ist, dass es gerade in traditionell geprägten Unternehmen eine sogenannte Ambidextrie gibt: Auf der einen Seite das Kerngeschäft im Fokus behalten, sich andererseits aber intensiv damit beschäftigen, wie man sich für die Zukunft aufstellt. Entscheidende Impulse können dabei auch von außen kommen. In Hanau gibt es dafür etwa mit der Gebrüder-Grimm-Akademie eine Einrichtung, die gezielt und praxisorientiert Innovationsmanager ausbildet. Und natürlich sind Foren wie der Innovationskongress essentiell, um Tradition und Innovation zusammenzuführen und einen Dialog zu ermöglichen. Zudem ist es unsere Aufgabe, technologische Innovationen in Hessen zu unterstützen und wir tun das sehr, sehr gerne.

Detaillierte Informationen zum 2. Hessischen Innovationskongress gibt es hier