Smart Cities in FrankfurtRheinMain – langsam, aber sicher
Frankfurt will eine Smart City werden. Wie stehen die Chancen?

Für Startups ist sie ein hochinteressantes Geschäftsfeld, Parteien werben damit in ihren Wahlkämpfen und für die Bevölkerung verspricht sie eine lebenswertere Zukunft: die „Smart City“. Davon träumen auch die Städte in FrankfurtRheinMain. Bei genauerem Hinschauen aber entpuppt sich die Smart City als ein von deutschen Städten noch weit entferntes Ziel, doch es geht voran. Wo stehen wir?

Die „smarte“ Stadt von morgen klingt wie ein Traum. Ein reibungslos funktionierender Nahverkehr macht das Auto in der Smart City überflüssig, Grünanlagen werden automatisch bewässert, die Gebäude sind energieautark und Straßenbeleuchtungen leuchten nur dann, wenn sie auch gebraucht werden. Die Stadtverwaltung funktioniert digital und bezahlt wird ganz einfach per Handy. Ein Beispiel dafür ist Songdo in Südkorea. Das Business-Viertel südöstlich von der Hauptstadt Seoul wurde nach Smart City Vorgaben gebaut, heute stößt es gut ein Drittel weniger Emissionen als vergleichbare Städte. Eine Müllabfuhr gibt es nicht: Der Abfall wird direkt in offene Rohrleitungen geworfen, die den Müll im Untergrund zu speziellen Sammelstellen schicken.

Geht es nach Sandra Janicijevic, sind diese Szenarien auch in Deutschland bald keine Hirngespinste mehr. Sie ist Head of Marketing & Communications bei der Blockchain Helix AG. Das Frankfurter Startup hat eine App entwickelt, mit der es eine vertrauensvolle Identität in der digitalen Welt schaffen will. Und die soll nichts weniger sein als „die technologische Basis von Smart Cities“, so Janicijevic.

Eine App für “alles”?

Die Idee: Blockchain Helix verifiziert einmalig personenbezogene Daten wie Alter, Führerscheinklasse und Krankenhistorie und speichert diese mit Hilfe der Blockchain sicher und dezentral. Dabei behält der Nutzer immer die Souveränität über seine Daten.  Diese sind durch die Blockchain-Technologie fälschungssicher und Blockchain Helix steht für ihre Echtheit. „Wir holen den Menschen wieder zurück ins Zentrum, nicht die Technologie“, so Janicijevic. Möchte ein:e Kund:in ein Auto leihen, werden die benötigten Informationen mit Einverständnis der Betroffenen an die Verleihfirma weitergegeben. Das Prinzip funktioniert auch bei Zahlungen in Geschäften oder bei Arztbesuchen. Die App hat zudem einen integrierten Marktplatz, auf dem Anbieter ihre Dienste feilbieten können. Finanzen, Mobilität, Gesundheit, Bürgerdienste und mehr, sicher und einfach in einer App zugänglich, so der Plan.

2016 wurde Blockchain Helix gegründet, seit Anfang des Jahres wirbt es in ganz Frankfurt für seine FFM ID. Politik, Wirtschaft, Einzelhändler und „Local Heroes“, die der Kampagne ein Gesicht geben, will Janicijevic von der Idee überzeugen. „Wir haben so viel geredet und geplant, jetzt wollen wir endlich loslegen“, so Janicijevic. Sie ist eine dieser Personen, die einen unbändigen Enthusiasmus versprühen können, andere von ihrem Projekt überzeugen.

Smart City Frankfurt noch ausbaufähig

Diesen Enthusiasmus braucht sie auch, denn die Smart City ist in Frankfurt noch nicht besonders angekommen. So belegt die Main-Metropole in Smart City Rankings regelmäßig bestenfalls durchschnittliche Plätze: Bei einem Ranking Digitalverbands Bitkom ist Frankfurt auf Platz 22 gelandet, bei einem anderen der Consulting Agentur Haselhorst Associates hat es gerade einmal 22 von 100 möglichen Prozentpunkten eingefahren.

Die Rankings bewerten, wie gut es die Städte schaffen, Technologie zu nutzen, um ihre urbanen Räume lebenswerter zu machen. Und das bedeutet vor allem: Der schonende Einsatz von Ressourcen und die Verbesserung der Lebensqualität der Einwohner:innen. Dazu gehört auch die Vernetzung von Verwaltung, Bürger:innen und Wirtschaft.

Den Grundstein dafür hat Frankfurt gerade gelegt. Das frisch ausgebaute LoRaWAN-Netz soll es Anbietern von Smart City Anwendungen ermöglichen, ihre Daten schnell und sicher durch die Stadt zu senden. Eine Zählerablesung aus der Distanz soll damit genauso möglich sein, wie zu messen, ob eine Grünfläche im Stadtbereich Wasser benötigt.

„Häufig ist das Thema Smart City noch schöner wohnen“

Um die Projekte auch realisieren zu können, hat die Stadt Ende vergangenen Jahres aufgestockt: fünf neue Mitarbeiter:innen und einmalig zwei Millionen Euro mehr Etat hat sie der Stabsstelle Digitalisierung spendiert. Im Moment ist nur eine Stelle Vollzeit für den Bereich Smart City zuständig. Von Berater:innen empfohlen wurde fast das doppelte – zehn neue Kräfte im Team und drei Millionen Euro Etat – aber aufgrund der finanziellen Lage der Stadt wurde reduziert. Diese Stellen zu besetzen, werde noch etwas dauern, sagt Ralf Sagroll. Er ist Leiter der Stabsstelle Digitalisierung, kennt die langsamen Mühlen der Bürokratie. Die Stellen müssen ausgeschrieben und besetzt werden, es gibt verwaltungstechnische Hürden.

Das gehe bis zur Raumfrage, erzählt Sagroll. Bei dem Stabsstellenleiter laufen die Fäden zusammen. Und das dauert manchmal länger, als sich das die Beteiligten wünschen: „Häufig gilt das Thema Smart City noch als schöner Wohnen“. In Frankfurt gebe als allein 700 IT-Verfahren und 2600 Leistungen, die die Verwaltung nach außen leiste. Es sei also sehr kompliziert, all das unter einen Hut zu bekommen – und in Richtung Smart City zu entwickeln.

Stolz hat Stadtrat Schneider im November vergangenen Jahres eine „gesamtstädtische Digitalisierungsstrategie“ vorgestellt, den Masterplan, den die Stabsstelle Digitalisierung umsetzen soll. Das Papier ist gut 160 Seiten stark und sieht verschiedene Projekte vor. So sollen Räumlichkeiten der Stadtbücherei genauso wie die Bücherausleihe rund um die Uhr möglich sein und ein smartes Parkleitsystem installiert werden. Es wird noch Jahre dauern, bis diese Maßnahmen durchgeführt werden. Das liegt nicht nur an der Stadt Frankfurt. Denn die Stadt hat sich für einige Projekte des auf Fördergelder des Bundes beworben. Und die bekommt sie nur, wenn die Projekte zum Beginn der Förderung noch nicht begonnen wurden.

Viele bürokratische Hürden

Auch Lösungen aus der Privatwirtschaft zu integrieren, ist nicht so einfach, wie man denken würde. Bevor eine öffentliche Stelle einen Auftrag an eine Firma geben kann, muss dieser Auftrag ausgeschrieben werden. Dieses Verfahren dauert. Und dann muss die Stadt die sogenannte „Leistungsfähigkeit“ überprüfen: Kann das Unternehmen zum Beispiel Strafzahlungen aufbringen, wenn der Auftrag nicht erfüllt wird? Eine große Hürde für Startups, die oft wenig Kapital zur Verfügung haben. Das letzte Problem bei der Vergabe von Aufträgen: Oft gibt es schon Initiativen von Land oder Bund, die Vorrang haben.

Die E-ID zum Ausweis ist so ein Beispiel. Die sei war zwar ein Flopp gewesen, denn nur 6% der Bürger:innen hätten sie verwendet. Für sie gibt es jetzt eine neue bundesweite Ausschreibung. Und die Stadt Frankfurt darf so keine anderen ID-Verfahren anstreben. Umgekehrt gebe es natürlich ein großes Interesse der Stadt Frankfurt Startups, die zur Smart City beitragen. So veranstaltet sie regelmäßig Round Tables und versucht, zumindest Sichtbarkeit für die angebotenen Lösungen zu schaffen. Schlechte Aussichten für die Smart City Frankfurt also? „Nein“, sagt Sagroll, „Die Smart City bildet sich ab in Schwerpunktprojekten. Das, was man aufholen muss, ist keine Riesenmenge, sondern überschaubar. Es benötigt nur den Willen und das Personal.“

Darmstadt gehört zur deutschlandweiten Spitze

Eine Stadt, in der dieser Willen schon vor Jahren artikuliert wurde, ist Darmstadt. Dort wurde eigens eine GmbH gegründet: Die Digitalstadt Darmstadt. Mit gut 20 Mitarbeiter:innen kümmert sie sich um die Belange der Smart City. Einige öffentliche Abfalltonnen werden dort zum Beispiel nur geleert, wenn sie auch wirklich voll sind. Derzeit wird ein digitales Messnetz für Luftschadstoffe erprobt, dessen Daten auf der städtischen Open Data Plattform zugänglich sind. Mit seinem Ansatz schafft es Darmstadt regelmäßig auf die vorderen Plätze in Smart City Rankings. So ist Darmstadt auf dem oben erwähnten Bitkom-Ranking auf Platz 4 gelandet, die „Wissenschaftsstadt Darmstadt“ sieht sich als Vorreiter in Sachen Smart City in Deutschland. Vor allem die Technische Universität Darmstadt gilt als Leuchtturm, zum Beispiel in der Forschung zu Künstlicher Intelligenz.

Auf guten Plätzen in Smart City Rankings könne man man sich jedoch nicht ausruhen, warnt Matthias Hollick. Er ist Professor im Fachbereich Informatik an der TU Darmstadt. Mit dem der Universität angegliederten Projekt emergenCITY forscht er, wie Städte eine digitale Infrastruktur aufbauen können, die gleichzeitig gut geschützt vor Angriffen und Katastrophen ist. In Darmstadt will man voraus denken, auch ein Zentrum für verantwortungsbewusste Digitalisierung gibt es.

Deutschland international weit hinten

„International liegen deutsche Städte ziemlich weit hinten“, so Hollick weiter. Globale Vorreiter wären asiatische Länder, Singapur zum Beispiel. Dort habe man schon vor Jahren Plattformen mit städtischen Daten geschaffen, die von privaten Unternehmen genutzt werden können, um passende Anwendungen schaffen. So war es während der Pandemie möglich, innerhalb von einem Tag eine Website zu programmieren, auf der sich die Bürger:innen über die Verfügbarkeiten von Masken informieren konnten. „5,7 Millionen Menschen, und das in 24 Stunden. Währenddessen faxen wir dem Robert Koch Institut unsere Daten.“ Gleichzeitig, betont der Professor, seien Städte wie Singapur auch weiter als ihre deutschen Pendants, weil dort der Datenschutz nicht so eine wichtige Rolle spiele.

Neben datenschutzrechtlichen Bedenken sieht Hollick ein Problem deutscher Städte auch in den Finanzen: Digitale Lösungen fordern meist hohe Einstiegsinvestitionen, bei Städten und Kommunen ist das Geld aber oft knapp. „Digitalisierung hat einen Preis“, sagt Hollick. Zur Entwicklung hinzu kommen Folgekosten für Instandhaltung, Wartung, Updates. Ob die Technologie die Investition wert sei, müsse man sich eben vorher gut überlegen. Ein Ansatz für Lösungen aus der Privatwirtschaft könnten große Open Data Portale wie in Singapur sein, wie sie auch in Frankfurt und Darmstadt teilweise schon existieren und ausgebaut werden. Hier könnten Startups andocken ihre Stärken ausspielen: Innovative Lösungen für spezielle Nischen entwickeln, sagt Hollick.

„Wenn es Hürden gibt, dann nehmen wir sie“

Blockchain Helix ist derweil einen Schritt weiter. Das Startup sucht Menschen, die mit ihnen kooperieren. Dafür gehen Janicijevic und ihr Team in die verschiedenen Stadtteile in Frankfurt, sprechen mit Gastronom:innen und Einzelhändler:innen. „Mission Nordend“ nannten sie ihre erste Tour im Frankfurter Nordend, eine Akzeptanz- und Machbarkeitsstudie vor Ort. Bald steht Sachsenhausen auf der Liste. Das Feedback bisher sei gut, auch wenn es noch ein langer Weg ist bis zur digitalen Identität in Frankfurt à la Blockchain Helix. Ob das frustrierend sei? Janicijevic bleibt optimistisch: „Natürlich ist es schwierig. Aber wenn es Hürden gibt, dann nehmen wir sie. Die Zeit ist reif“.

Stay tuned …

Bei uns geht es demnächst weiter mit Smart Cities – wir werfen einen Blick nach Mainz. Also, stay tuned!

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