Warum so wenige Gründerinnen? Interview mit Natalia Gorynia-Pfeffer (RKW)
Dr. Natalia Gorynia-Pfeffer, Projektleiterin bei RWK (Foto: RKW).

In Deutschland gründen immer noch deutlich weniger Frauen als Männer. Auf eine Gründerin kamen in Deutschland 2018 exakt zwei Gründer. Das zeigt der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2018/2019, den das RKW Kompetenzzentrum Eschborn in Kooperation mit dem Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie der Leibniz Universität Hannover durchführt. Wir haben mit der Projektleiterin für die GEM-Studie im RKW Kompetenzzentrum Dr. Natalia Gorynia-Pfeffer über Gründe für und Folgen von zu wenig Gründerinnen gesprochen.

„Mangelnde Betreuungsangebote, eine familienunfreundliche Arbeitswelt und die geringere Wertschätzung der Erwerbsarbeit von Frauen greifen ineinander. Dadurch entgeht der Wirtschaft ein enormes Potential“, erklärt Gorynia-Pfeffer. Man könne es sich nicht leisten, auf weibliche Arbeitskräfte zu verzichten – es sei eine wirtschaftliche Notwendigkeit, Frauen am Erwerbsleben zu beteiligen.

Gründe dafür, dass so wenig Frauen gründen, sieht die Studie viele: Die gute konjunkturelle Lage und die damit verbundenen attraktiven Angebote auf dem Arbeitsmarkt, der demographische Wandel, sowie die insgesamt geringe Gründungsneigung würden gründungshemmend wirken. Gleichzeitig kritisieren viele Experten die soziale Infrastruktur mit unzureichenden Betreuungsangeboten für Kinder. Aus Angst vor Unvereinbarkeit von Kind und Karriere würden sich viele Frauen daher gegen den Schritt in die Selbstständigkeit entscheiden. Für Gorynia -Pfeffer kann sich dieses Problem sogar noch verschärfen: „Bundesweit fehlen bis zum Jahr 2025 mehr als 300.000 Erzieherinnen und Erzieher. Der Beruf des Erziehers ist anstrengend und verantwortungsvoll, aber vergleichsweise schlecht bezahlt. Möglicherweise wird sich die Situation verschärfen durch den Wunsch vieler Eltern, ihr Kind ganztags betreuen zu lassen.“

Was also tun?

Um mehr Frauen zum Gründen zu bewegen, schlägt die Studie eine Reihe verschiedener Maßnahmen vor. Vorneweg steht die Verbesserung der sozialen Infrastruktur und der Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, zum Beispiel in Form von Ganztagsschulen. „So könnten Frauen von ihren familiären Verpflichtungen entlastet werden. Zudem sollte das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur auf die Rolle der Frau begrenzt werden. Auch das stärkere Engagement von Seiten der Männer ist hier von Bedeutung“, fordert Gorynia-Pfeffer. Außerdem mangele es an weiblichen Rollenvorbildern und Chancen für Frauen im MINT-Bereich. Viele Startups werden aus den MINT-Bereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) heraus gegründet, aber Frauen studieren deutlich seltener MINT-Fächer. Es müssten mehr Frauen für die MINT-Bereiche gewonnen werden. Auch der Gründerspirit solle gefördert werden, so die Studie. Freie, mutige und kreative Denkkonzepte sollten demnach schon in der Schule vermittelt werden.

Gründer-Wettbewerbe und Mentoring-Angebote sollen ausgebaut werden

 „Trotz der Fortschritte in vielen Bereichen werden in Deutschland häufig nicht passgenaue Finanzierungsangebote, bürokratische Hürden und die unzureichende Gründerkultur als Schwäche des Standortes Deutschland genannt. Als herausragendes Problem wird dabei die unzureichend ausgeprägte Gründungskultur gesehen. Das unternehmerische Denken sei in Deutschland schwach ausgeprägt und verhindere dadurch, dass viele vorhandene Innovationen und Technologien wirtschaftlich nutzbar gemacht werden“, kritisiert Gorynia-Pfeffer. Deswegen sollen Gründer-Wettbewerbe und Mentoring-Programme hier Abhilfe schaffen und ein Gründer Mindset vermitteln. Auch Entrepreneurship Education insbesondere an Schulen steht auf dem Plan, um eine „Kultur der Selbstständigkeit in der Gesellschaft zu verankern und das Interesse für Unternehmensgründung und -übernahme zu stärken. Sowohl die Entwicklung der Kultur der zweiten Chance als auch die Weiterentwicklung der Kultur von Business Angels sind überaus wichtig“, so Gorynia-Pfeffer weiter.

Chile und Kanada sind Vorbilder

Laut der GEM-Studie 2018/2019 ist der Gründeranteil von Frauen in Chile mit 21,2 Prozent am höchsten im Vergleich zu 17 ausgewählten und gut mit Deutschland vergleichbaren Volkswirtschaften mit hohem Einkommen. Dahinter folgen auf Platz zwei und drei Kanada (17,0 Prozent) und die USA (13,6 Prozent). Einige Studien würden darauf hinweisen, dass Frauen dabei im Durchschnitt erfolgreicher sind als Männer, erläutert Gorynia-Pfeffer. Sie würden aus jedem investierten Euro mehr als doppelt so viel rekapitalisieren, sich häufig an gesellschaftlichen Problemstellungen orientieren und stärker auf die Profitabilität ihres Unternehmens denn auf ein kapitalintensives, schnelles Wachstum achten.

Das RKW Kompetenzzentrum ist ein gemeinnütziger und neutraler Impuls- und Ratgeber für den deutschen Mittelstand. Sein Angebot richtet sich an Menschen, die ihr etabliertes Unternehmen weiterentwickeln, ebenso wie an jene, die mit eigenen Ideen und Tatkraft ein neues Unternehmen aufbauen wollen. Ziel ist es, kleine und mittlere Unternehmen für Zukunftsthemen zu sensibilisieren und sie dabei zu unterstützen, ihre Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft zu entwickeln, zu erhalten und zu steigern, Strukturen und Geschäftsfelder anzupassen und Beschäftigung zu sichern.

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