Marcel Mankus ist gebürtiger Frankfurter, hat in Aachen Maschinenbau studiert, danach als Fotograf und Content-Produzent gearbeitet, Medien- und Kommunikationsmanagement abgeschlossen und arbeitet seit mehreren Jahren in der Werbung. Im April 2026 hat er in Frankfurt die Faceledger UG gegründet, seit August ist FaceLedger live: ein Marktplatz, auf dem verifizierte Menschen ihr Erscheinungsbild als Foto-Datensatz für KI-generierte Werbung lizenzieren. 65 Prozent des Lizenzpreises gehen an die Person. Im Interview geht es um die Lücke zwischen generierten Gesichtern und echten Menschen, um das Angebot „Bring your own model” für Marken und darum, warum Frankfurt für dieses Thema der richtige Ort ist.
Hallo Marcel, erzähl deine Story: Woher kommst du, und wie kam es zu FaceLedger?
Ich bin gebürtiger Frankfurter, habe in Aachen Maschinenbau studiert und bin über Umwege in der Werbung gelandet: erst mehrere Jahre selbstständig als Fotograf und Content-Produzent für Marken, Fotos, Videos, Kampagnenmaterial. Danach habe ich Medien- und Kommunikationsmanagement in Frankfurt abgeschlossen und arbeite seitdem in der Werbung, an der Schnittstelle von Konzept und Technik. Das Ingenieurstudium ist bis heute mein Fundament. Ich will verstehen, wie ein System funktioniert, bevor ich es benutze.
FaceLedger ist aus einer Beobachtung im Arbeitsalltag entstanden. Seit generative KI in der Produktion angekommen ist, entstehen Gesichter in Sekunden. Was in derselben Zeit nicht entsteht, ist das Recht, sie zu verwenden. Ein generiertes Gesicht kann niemand fragen, ob es verwendet werden darf. Folglich kann es nicht geschützt werden. Die meisten Verträge mit echten Models decken die Nutzung von Fotos und Videos ab, aber keine Weiterverwendung in KI-Welt. Stock Footage deckt nur die Verwendung von einem Bild oder Video ab. Ich habe in Meetings gesessen, in denen alle diese Lücke gesehen haben aber keine Lösung für hatten.
Irgendwann habe ich angefangen, die Lösung zu bauen statt sie zu beschreiben. Im April 2026 habe ich die Faceledger UG in Frankfurt gegründet, neben dem Beruf, als Solo-Gründer. Im August ging die Plattform live, in acht Sprachen. Am 17. August ist der komplette Ablauf zum ersten Mal durchgelaufen, von der Registrierung über die Prüfung bis zu Vertrag, Zahlung und automatischer Auszahlung an die Person. Seitdem registrieren sich Menschen bereits von selbst, ohne dass ich sie angesprochen habe.
Was macht FaceLedger konkret, und warum reicht dafür nicht einfach ein generiertes Gesicht?
FaceLedger ist ein Marktplatz für lizenzierte Erscheinungsbilder in KI-generierter Werbung. Menschen registrieren sich, werden per Ausweis verifiziert, legen fest, für welche Branchen sie zur Verfügung stehen und für welche nicht. Dann laden sie via Selfie Kamera von ihrem Smartphone einen Foto-Datensatz hoch. Den Umfang des Datensatzes, also was von der Person gezeigt wird, bestimmt jeder individuell für sich. FaceLedger überprüft die Qualität der Bilder, fordert ggf. nach und gibt diese dann frei. Unternehmen finden diese Menschen über Filter in einer geschützten Suche und fragen eine Lizenz an. Nimmt die Person an, entsteht der Lizenzvertrag automatisch, begrenzt nach Zeit, Gebiet und Kanälen der Kampagne. Die Zahlung wird eingezogen, die Auszahlung an die Person läuft automatisch, jede Kampagne bekommt einen Lizenznachweis. Nach Laufzeitende wird der Datensatz gelöscht. Die Preise stehen öffentlich, ab 900 Euro netto, 65 Prozent davon gehen an die Person.
Ein generiertes Gesicht löst das nicht. Es gehört niemandem, jeder kann Ähnliches erzeugen. Niemand kann belegen, dass es keiner realen Person ähnelt, vor Gericht zählt Wiedererkennbarkeit, nicht Absicht. Und weil die Modelle mit Bildern aus dem Internet trainiert sind, ähneln generierte Gesichter oft bekannten Menschen, ohne dass die Produktion es merkt. Haften muss sie trotzdem.
Das Produkt ist deshalb nicht das Bild, sondern die Akte: dokumentierte Einwilligung, verifizierte Identität, Vertrag, Nachweis. Für Marken mit eigenen Models gibt es „Bring your own model”: Sie registrieren sich bei uns, wir übernehmen Verifizierung und Drehtag, die Marke lizenziert die KI-Nutzung sauber, statt Verträge zu dehnen, die dafür nie gedacht waren.
Seit dem 2. August müssen KI-Inhalte in der Werbung gekennzeichnet werden. Ist FaceLedger ein Compliance-Werkzeug?
Nein. Das ist mir wichtig. Die Kennzeichnung nach Artikel 50 der KI-Verordnung ist Aufgabe des werbenden Unternehmens, das nehmen wir niemandem ab. Unser Lizenznachweis ersetzt sie nicht. Er belegt etwas anderes: die Rechtekette, wer zugestimmt hat, wofür genau, wie lange und wo.
FaceLedger ist eine neue Produktionsform für Werbung. Bisher gab es zwei Wege: das Shooting mit echten Menschen, sicher, aber teuer und starr, oder das generierte Bild, flexibel, aber ohne Rechte. FaceLedger verbindet beides: flexibel wie gepromptet, sicher wie geshootet. Aus einem lizenzierten Datensatz entstehen beliebig viele Motive, neue Posen, neue Szenen, neue Kanäle, für jedes davon gibt es einen Vertrag.
Der Gesetzgeber beschleunigt das, ist aber nicht der Grund. Der Grund ist, dass KI die Produktion von Werbung verändert hat und jetzt auch den Menschen vor der Kamera verändert. Zalando und H&M arbeiten mit digitalen Zwillingen ihrer Models, Otto ersetzt Teile der Produktion durch KI. Die Frage, wer das Model gefragt hat und was es dafür bekommt, bleibt in fast allen Berichten offen. Genau die beantworten wir, auch für eine Marke mit drei Models und einem Onlineshop, nicht nur für Konzerne. Compliance ist die Pflicht des Unternehmens. Vertrauen ist die Kür, an der wir arbeiten.
Was bedeutet dir die Region, und was wünschst du dir für sie?
Frankfurt ist meine Stadt, ich bin hier geboren. FaceLedger habe ich bewusst hier gegründet. Das Thema passt zu Frankfurt besser, als es auf den ersten Blick wirkt. Es geht um Vertrauen, Verträge und Nachweise, also um das, was diese Stadt seit jeher kann. Wer über Werbung mit KI redet, denkt an Berlin oder Hamburg. Wer über Rechte, Verwahrung, Prüfbarkeit und Anzugträger redet, landet in Frankfurt. FaceLedger ist beides.
Was ich mir wünsche, ist ein engerer Draht zwischen den Gründerinnen und Gründern hier und den Unternehmen, die in Rhein-Main sitzen. Frankfurt hat viele Agenturen, viele Markenzentralen, viele Häuser, die gerade entscheiden, wie sie mit KI in der Werbung umgehen. Die meisten dieser Entscheidungen fallen ohne die Start-ups, die zwei Straßen weiter genau daran arbeiten. Formate wie das Founders Breakfast oder das, was STATION und Futury aufbauen, sind für mich der Weg, das zu ändern: kurze Wege, echte Gespräche, keine Bühne.
Und ich wünsche mir, dass wir in Frankfurt das Thema Identität in der KI-Ökonomie besetzen. Es wird in den nächsten Jahren überall verhandelt, in Brüssel, auf den Plattformen, in den Verträgen. Es wäre gut, wenn ein Teil dieser Antworten aus Frankfurt käme.
Was ist deine Vision und was würdest du Gründerinnen und Gründern mitgeben?
Unsere Mission ist, das Erscheinen menschlicher Identität in KI-generierter Werbung vertraglich zu regeln: Wer sein Gesicht gibt, wird gefragt, verdient mit und kann Nein sagen. Wer es nutzt, hat einen Vertrag, der hält. Die Vision dahinter ist, synthetische Werbung menschlicher zu machen, denn dass Identität etwas Schützenswertes ist, zeigt KI mehr denn je. Für diesen Schutz will FaceLedger weltweit stehen, zuerst in Deutschland, dann in Europa.
Was ich Gründerinnen und Gründern mitgeben würde: Baue erst das kleinste Zahnrad, das sich wirklich dreht. Nicht den ganzen Markt, nicht das ganze Produkt, nicht die große Runde. Wenn das einmal läuft, wird alles andere leichter.
Nimm die Rechte ernst, bevor es jemand von dir verlangt, gerade in Deutschland. Einwilligung, Widerruf und Nachweis sind bei diesem Thema kein Anhang, sondern selbstverständlich. Wer das von Anfang an in den Ablauf baut, muss später nicht teuer nachrüsten.
Sprich mit Menschen, nutze deine Community, egal wie klein sie dir noch vorkommt. Meine ersten Registrierungen kamen aus Gesprächen, nicht aus einer Kampagne.
Und hab vor allem dabei Spaß, sei stolz auf das, was du baust. Das trägt durch die Tage, an denen es auch mal nicht so läuft.
