„Ich bin kein Schätzchen“ – Anna-Sophia Kouparanis über Vorurteile, Verhandlungen und Unternehmertum mit Kind
Anna-Sophia Kouparanis beim Female Founders Contest Halbfinale (Foto: Melina Johannsen)

Beim hessischen Halbfinale des Female Founders Contest sprach Anna-Sophia Kouparanis, Mitgründerin der Frankfurter Bloomwell Group, über ihren Weg in einer männerdominierten Branche. In ihrer Keynote ging es um das Unterschätztwerden, klare Grenzen, gründliche Vorbereitung und die Frage, wie sich Unternehmertum und Familie verbinden lassen. STATION veröffentlicht ihre Rede in redigierter Fassung als Gastbeitrag.

Ein Gastbeitrag von Anna-Sophia Kouparanis

Vom Herzrasen im Meeting zur Gründerin

Ich bin von Natur aus eher introvertiert und zurückhaltend. Und ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich für Herzrasen hatte, als ich in meinem ersten wichtigen Meeting saß. Jetzt bin ich eine Gründerin eines Frankfurter Unternehmens, das 2026 einen dreistelligen Millionen-Umsatz erwartet. 2019 habe ich mit Mitte 20 als erste Frau in Deutschland alleine ein medizinisches Cannabis-Unternehmen gegründet. 2020 gründete ich Bloomwell mit. Damals fiel Medizinalcannabis unter das Betäubungsmittelgesetz. Es gibt nur wenige Industrien in Deutschland, die so streng reguliert werden wie der BtM-Bereich.

Meine Eltern haben nicht studiert und sind keine Unternehmer. Mein Vater kam als Kind in der Gastarbeiterwelle aus Griechenland nach Deutschland. Ich selbst bin seit etwas mehr als zwei Jahren Mutter.

Statistiker hätten vor 15 Jahren wohl keinen Cent darauf gewettet, dass ich heute hier stehe und als Mitgründerin der größten Plattform für die medizinische Cannabis-Therapie in ganz Europa zu euch spreche. Patient:innen in sechsstelliger Zahl erhalten über Bloomwell inzwischen monatlich Zugang zur Medizinalcannabis-Therapie.

Ich möchte mit meiner Geschichte Mut machen: Wenn ihr es wirklich wollt, dann gelingt euch der Weg ins Unternehmertum. Auch als Frau, auch wenn ihr euch manchmal selbst klein redet. Auch wenn ihr nicht bereit seid, eure Familienplanung aufzugeben. Es geht. Allerdings nicht, ohne etwas anderes aufzugeben, nicht ohne anderswo Abstriche zu machen und es erfordert jede Menge Disziplin und Planung. Aber ihr könnt es schaffen.

Unterschätzt zu werden, kann ein Vorteil sein

Frau sein in unserer männerdominierten Geschäftswelt birgt auch viele Vorteile. Ich wurde oft belächelt und unterschätzt im Laufe der Zeit. Das konnte ich nicht selten zu meinem eigenen Vorteil nutzen. In anderen wichtigen Verhandlungen war es klar, dass zu viel männliche Energie eher schadet, als dass sie unserem Unternehmen nützt.

Für meinen Großhändler habe ich 2019 Pharma-Referenten gesucht. Ich saß mit zehn anderen Menschen in einem Raum, die meisten waren um die 40 Jahre alt. Ratet einmal, wie viele Frauen unter diesen Führungskräften waren? Null. Nun ratet, was das C-Level der besagten Firma mich als erstes fragte? Wo denn der Geschäftsführer sei und wem denn nun wirklich die Firma gehöre? Ihr hättet sie sehen sollen, als ich sagte, ich sei die alleinige Geschäftsführerin und alleinige Inhaberin des Unternehmens und führe die Verhandlungen. Ich war damals 26 Jahre alt. Am Ende habe ich mich dagegen entschieden, überhaupt Pharma Referenten einzustellen.

Nachdem mein Großhändler Teil der Bloomwell Group geworden war, saß ich teilweise auch mit meinem Bruder und Mitgründer Niklas Kouparanis gemeinsam in Verhandlungen. Für uns war die Aufgabenteilung immer klar. Er hatte alle strategischen Themen auf dem Tisch, ich als Geschäftsführerin des Großhandels alle Fragen, die den operativen Betrieb betrafen. Nur für unsere Verhandlungspartner war dies nicht immer eindeutig. Selbst dann nicht, wenn wir genau das explizit am Anfang klargestellt hatten. Eigentlich war es so, dass diese Gesprächspartner sich zunächst bei allen Fragen an Niklas wendeten, ganz gleich, um was es ging. Der sagte dann immer nur: „Klärt das mit Anna.“ Irgendwann hatten sie die Botschaft verstanden.

Wo für mich die Grenze verläuft

Männer reden nun mal lieber mit Männern. Ich habe meist mit Führungskräften zu tun. In der medizinischen Cannabis-Industrie sind das leider immer über 90 Prozent Männer. In anderen Branchen sieht es oft nicht viel besser aus. Es liegt auch an euch, dass sich solche Quoten ändern! Selbst deutsche Journalisten hatten anfangs Probleme, mich als gleichwertige Gründerin zu akzeptieren – und hielten mich teilweise für „seine Frau“. Also die Frau meines eigenen Bruders Niklas Kouparanis. Komischerweise kam aber niemand andersherum auf die Idee Niklas als „ihren Mann“ zu bezeichnen (was natürlich ebenso komisch gewesen wäre, aber eine gewisse Symbolkraft genießt…).

Mein negativer Höhepunkt war eine Verhandlung, in der es um den Vertrieb von Medizinalcannabis-Produkten ging. Wortwörtlich sagte mein damaliger Verhandlungspartner zu mir: „Schätzchen, hör mir mal zu.“

Das war der Moment für mich, klare Kante zu zeigen. Oftmals habe ich es bewusst ausgenutzt, von den Männern, mit denen ich verhandelt habe, anfangs aufgrund ihres Schubladendenkens unterschätzt zu werden. Eine junge, blonde Frau hielten einige unter ihnen zunächst eher für ein Firmenmaskottchen, als für eine kompetente Führungskraft, die den operativen Betrieb fest in der Hand hatte. Am Ende ging ich aus vielen Verhandlungen mit besseren Verträgen raus, als es Männer geschafft hätten, die von vornherein nur pushy gewesen wären. Es ist nicht immer gut für die beteiligten Unternehmen, wenn zwei Alpha-Wesen in den Verhandlungen aufeinander prallen.

Aber „Schätzchen“ ist zu viel. Solche Grenzüberschreitungen darf keine Frau, egal in welcher Position, dulden. Meine Antwort damals: „Schätzchen ist hier fehl am Platz. Wir können uns über die Details des Vertrags unterhalten. Ansonsten ist dieses Gespräch für mich beendet.“ Es gab einen Deal. Einen guten Deal für uns. Manchmal wurde mir zugetragen, dass ich in Branchenkreisen den Ruf einer „Zicke“ hatte. Für mich war dies immer ein Kompliment. Ich lasse mir nicht alles gefallen, bin nicht immer nett. Denn ich bin kein Schätzchen. Ich bin überzeugt, dass als Zicken geltende Frauen erfolgreiche Unternehmerinnen sind. Etwas zickig kann man sehr gut verhandeln.

Vorbereitung schlägt Schubladendenken

Ein anderes Beispiel dafür, wie wichtig es als Frau ist, sich extrem gründlich vorzubereiten: Auf einer der renommiertesten Branchen-Konferenzen in den USA saß ich als eine von zwei Frauen mit männlichen Geschäftsführern aus Deutschland in einem Panel. Inhaltlich ging es um komplizierte Policy-Fragen. Alle warteten zunächst gebannt auf den Input der Männer der Runde. Mich hielten sie eher für eine Frau, die eher aus Gründen der Quote teilnahm. Sie täuschten sich. Am Ende hatte ich den größten Redeanteil. Danach kamen die meisten aus dem Publikum zu mir. Ich hatte mich im Vorfeld in die relevanten Inhalte eingearbeitet. Die Zuhörer:innen merken sehr wohl, wer tatsächlich etwas weiß und wer eher blufft.

Wenn einem dies als Frau gelingt, schlägt das Pendel teilweise überraschend schnell um: Raus aus der Schublade „Quoten-Dame“, rein in die Schublade: „Krasse-Macherin“, die hat echt was drauf. Performance wird in unserer Geschäftswelt honoriert.

Auch heutzutage bereite ich mich auf jedes wichtige Meeting sehr gründlich vor: Nach einem Investoren-Pitch hieß es entsprechend nur kurz und bündig: „Anna was spot on.“

Ich weiß nicht, wie oft ich erlebt habe, dass das anfängliche Belächeln verflogen ist. Als Frau müssen wir uns in einer Geschäftswelt, die immer noch von Männern dominiert wird, nunmal Respekt und Hochachtung durch ein Plus an Kompetenz verdienen. Dafür können wir manchmal auch festgefahrene Verhandlungen retten, wenn wir emotional geschickt agieren. Die Rivalität ist nicht immer so ausgeprägt wie in ausschließlichen Männer-Runden. Ich kann daher nur jeder Unternehmerin raten, solche Vorteile auch auszunutzen: Sei es das unterschätzt werden in Verhandlungen oder die weibliche Sichtweise in männerdominierten Verhandlungen.

Ich habe mir oft innerlich gesagt: „Lächel du ruhig, gleich lächle ich.“

Unternehmerin und Mutter

Ein anderes Thema ist die Familienplanung: Häufig denken junge Frauen noch immer: Unternehmertum oder Kind. Ich habe beides geschafft: Unternehmertum und Kind. „Sowohl als auch“, statt „entweder oder“. Meine Tochter ist inzwischen etwas älter als zwei Jahre alt.

Dazu gehört dann aber auch ein recht unternehmerisches Mindest in der Kinderbetreuung – immer Lösungen für jede neue Herausforderungen zu suchen. Jede Woche ist bei mir ähnlich durchkalkuliert wie ein Business Plan. Ich habe eine Nanny, meine Eltern unterstützen mich und meine Tochter geht in den Kindergarten. Die Frage lautet: Wo lassen sich wie viele Stunden für mich rausholen, um weiterhin mein Unternehmen zu leiten. Aber an oberster Priorität steht natürlich immer das Kind.

Glücklicherweise liegt es als Unternehmerin zu großen Teilen auch an euch, eine familienfreundliche Unternehmenskultur zu gestalten. Eine Anekdote dazu: Als ich zu einer Firmen-Inspektion musste und es keine andere Möglichkeit gab, meine Tochter betreuen zu lassen, brachte ich sie kurzerhand mit ins Büro. Anfangs mit einem schlechten Gefühl gegenüber den Mitarbeitenden. Könnte ich ihnen mein Kind wirklich zumuten während ihrer Arbeitszeit?

Dazu müsst ihr wissen: Es gibt wahrscheinlich kaum ein Frankfurter Unternehmen, das in den letzten zwei Jahren so gewachsen ist, wie Bloomwell. Die über uns von Apotheken abgegebenen Mengen an Medizinalcannabis sind seit dem 1. April 2024 um 5000 Prozent angestiegen. In Deutschland gibt es insgesamt inzwischen mehr als eine Millionen Cannabis-Patient:innen – und wir sind als digitale Plattform so etwas wie das Herzstück der Patient:innen-Versorgung. Bloomwell hat im Gegensatz zu anderen aus dem Ausland agierenden Plattform-Betreibern seinen Geschäftssitz von Anfang an in Frankfurt am Main. Wir stellen uns deutschem Recht und Gesetz. Unsere DNA ist nicht nur Medizinalcannbis, sondern auch Tech. Mehrmals im Monat releasen wir eine neue Version unserer App. Ein solches Tempo sieht man sonst fast nirgendwo, auch nicht bei anderen deutschen Scale-Ups.

Wieso ich dies berichte? Ich habe damals meine Tochter in diesem sehr ambitionierten Tech-Unternehmen, in dem Speed und Wachstum zählen, zur Betreuung meinen Mitarbeitenden überlassen. Nach der fünfstündigen Inspektion spielten zehn Mitarbeitende noch immer abwechselnd mit meiner Tochter. Wie selbstverständlich – und allesamt glücklich.

Dort, wo es Herausforderungen gibt, werdet ihr als Unternehmerin und Mutter auch Lösungen finden. Traut euch, mutig neue Wege zu bestreiten. In meinem Fall gebührt großer Dank meinem Bruder und meinem Team, auf deren Hilfe und Verständnis ich mich immer verlassen konnte.

Sichtbarkeit kann Türen öffnen

Mir selbst haben bei meinem Werdegang Awards und Auszeichnungen geholfen, damit der Respekt etwas größer war, bevor man sich persönlich kennengelernt hat. Solche Awards sind gerade als Frau wichtig für das eigene Prestige und das Standing, das wir uns nunmal härter erarbeiten müssen als Männer.

Abschließend möchte ich noch auf das zurückkommen, was ich anfangs gesagt habe: Wenn ihr euch selbst manchmal ärgert über eure Unsicherheit, dann überspielt sie, bis sie verschwindet. Und sie wird verschwinden. Ich habe euch von meinem Meeting mit den zehn Führungskräften berichtet. Nach diesem Meeting kam der CMO zu mir und sagte voller Hochachtung: Er habe eine 13-jährige Tochter – und wünsche sich, dass sie mal so werde wie ich. Ich bin mir sicher, dass jede Frau oder jede heranwachsende Frau ihren erfolgreichen Weg ins Unternehmertum finden kann, wenn sie wirklich daran glaubt und gewillt ist, die extra Meile zu gehen. Ich wünsche mir mehr hessische Gründerinnen – denn wir sind ein toller Standort für Startups, Familie und Frauen im Unternehmertum.


Über die Autorin

Anna-Sophia Kouparanis ist Mitgründerin der Bloomwell Group mit Sitz in Frankfurt am Main. Zuvor gründete sie 2019 die Ilios Santé GmbH, einen Großhandel für medizinisches Cannabis. Sie wurde unter anderem in die „Forbes 30 Under 30“-Liste aufgenommen.

Als erste Gründerin eines lizenzierten Großhändlers in der medizinischen Cannabis-Industrie zählte sie 2020 zum Gründungsteam der Bloomwell Group. Bloomwell mit Sitz in Frankfurt am Main ist heute Europas größte Plattform für die Medizinalcannabis-Therapie; monatlich erhalten über die Plattform Patient:innen in sechsstelliger Anzahl Zugang zur Medizinalcannabis-Therapie.

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