Drei Startups aus dem Landscape-Cluster Enterprise Software im Porträt. In Zusammenarbeit mit AI Startup Rising | hessian.AI und EDITH präsentieren wir regelmäßig innovative KI-Startups aus Hessen. Grundlage ist die 2024 erstmals veröffentlichte und nach Branchen geclusterte AI Startup Landscape Hessen. Diesmal im Fokus: das Landscape-Cluster „Enterprise Software“.
Immer mehr Unternehmen setzen auf Künstliche Intelligenz. Ende 2024 nutzte laut Statistischem Bundesamt jedes fünfte deutsche Unternehmen KI-Lösungen – Tendenz steigend. KI-Startups eröffnet das enorme Chancen. Die AI Startup Landscape Hessen 2024 listet über 30 Startups, die sich auf KI-gestützte „Enterprise Software“ spezialisiert haben. Drei dieser Startups stellen wir im Folgenden vor: Daisytuner, SUMMETIX und Cognitx.
Daisytuner: Optimale Software-Performance ohne Hardware-Limit
Lukas Trümper hat eine klare Vision: Software effizienter und unabhängiger zu machen. Mit ihrem Deep-Tech-Startup Daisytuner adressieren Lukas und sein Co-Gründer Adrian Schmitz, ehemals ETH Zürich und RWTH Aachen, eine wachsende Herausforderung: Während sich Softwareanwendungen durch KI permanent weiterentwickeln, steigen die dafür benötigten Rechenkapazitäten – und damit der Energieverbrauch. Zugleich lassen Tech-Giganten wie Microsoft oder Google immer mehr Code von KI-Systemen automatisch generieren. Wie lässt sich diese Entwicklung auf lange Sicht nachhaltig gestalten?
Das Problem: Software sollte eigentlich immer schnell und effizient laufen. Und zwar egal, auf welchem Prozessor. Doch die Realität sieht anders aus, NVIDIA dominiert den GPU-Markt nahezu monopolartig. Ein Wechsel zu AMD oder einem europäischen Anbieter ist umständlich und zeitaufwendig. „Seit Jahrzehnten schreiben Entwickler ihre Software für NVIDIA-Prozessoren. Zu wechseln bedeutet, Millionen Zeilen Code umzuschreiben“, erklärt Lukas. „Zwar werden immer mehr spezialisierte Chips entwickelt, die deutlich effizienter für bestimmte Anwendungsbereiche sind. Aber wenn niemand den Code übertragen kann, bleibt alles beim Alten – und wir verbrauchen unnötig viel Energie.“
Mithilfe von Daisytuner können Entwicklerteams ihren Code optimieren sowie zwischen verschiedenen Prozessoren wechseln. Dazu setzt das Startup genau dort an, wo Coding-Assistenten bisher an ihre Grenzen stoßen: Ihre intelligente Compiler-Technologie erkennt Speicher-Engpässe und ineffiziente GPU-Auslastung. Durch kontinuierliches Benchmarking analysiert Daisytuner, wie gut ein Programm aktuell läuft. Der selbstlernende Compiler übersetzt den Code so, dass er auf unterschiedlichen Chips funktioniert, ohne dass Entwickler ihn noch einmal neu schreiben müssen. Ein entscheidender Schritt, um Ressourcen zu schonen.
Die Technologie, die besonders für rechenintensive Bereiche wie Drohnensteuerung oder Simulationstechnik relevant ist, überzeugt: Neben Unterstützung durch Programme wie hessian.AIs Inkubator Ignition, ESA BIC Hessen, HiPEAC, NVIDIA und Google for Startups hat sich das Startup kürzlich Pre-Seed-Funding in Höhe von 1,1 Millionen Euro gesichert. Unter den Investoren sind der Deep-Tech-Investor Lea Partners und Angel Invest sowie namhafte Business Angels wie die Seriengründerin Jessica Holzbach und Fußballstar Mario Götze.
Daisytuner ist derzeit in der Beta-Version verfügbar. Der erste Kunde, ein Raumfahrt-Unternehmen aus Palo Alto (USA), testet die Technologie in der Praxis. „Wenn man KI im All betreibt, zählt jedes Watt“, sagt Lukas.
SUMMETIX: Vom Datendschungel zu klaren Insights
„In der heutigen Zeit werden wir von Daten überflutet. Die Datenmengen verdoppeln sich alle zwei Jahre. Allerdings werden 90 bis 95 Prozent dieser Daten gar nicht für Entscheidungsprozesse genutzt. Es sind einfach zu viele, um diese zu bewältigen.“ Erik Kaiser, Co-Gründer und CEO von SUMMETIX, ist überzeugt: Ohne intelligente Auswertung bleibt ein riesiger Datenschatz verborgen, der für Unternehmen Gold wert ist.
Die Idee zu SUMMETIX entstand während Eriks Zeit als Aktienanalyst: „Ich musste Unmengen an Daten recherchieren und auswerten, um daraus Entscheidungsgrundlagen für Investitionen abzuleiten. Ich dachte: Wenn es eine KI gäbe, die das schneller kann als der Mensch, ist das die Zukunft.“ Gesagt, getan. An der TU Darmstadt fand er seine Mitgründer Benjamin Schiller und Dr. Johannes Daxenberger, die damals zu KI und Argument Mining (dem automatischen Erkennen und Analysieren von Argumenten in Texten) forschten. Gemeinsam entwickelten sie 2021 im Rahmen des EXIST Gründungsstipendiums den ersten Prototyp.
Die KI-Systeme von SUMMETIX bauen auf großen Large Language Modellen (LLMs) auf. Anders als generative Modelle greift die extraktive KI von SUMMETIX auf bestehende Daten zurück. Sie analysiert riesige Textmengen und filtert die für eine konkrete Fragestellung relevanten Aussagen in Sekundenschnelle aus internen Dokumenten, Presseartikeln, Kundenfeedback oder den sozialen Medien heraus. „Unsere Technologie kommt beispielsweise in der Marktforschung oder Produktentwicklung zum Einsatz. Der Algorithmus erkennt bereits kleine Veränderungen. So kann zum Beispiel ein Produkthersteller schon Monate vor einem Produkt-Launch auf Kundenfeedback reagieren“, erklärt Erik. Die Technologie hilft nicht nur Menschen, sondern auch generativen Sprachmodellen, zuverlässige Informationen zu finden und so Halluzinationen zu minimieren.
Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Automobil-, Konsumgüter- und Finanzindustrie zählen ebenso dazu wie der öffentliche Sektor. Zur Bundestagswahl 2021 entwickelte SUMMETIX in Zusammenarbeit mit hessian.AI und pressrelations eine Plattform, die Wählern präzise Informationen über Parteipositionen bot – weit über Wahlprogramme hinaus.
Das Startup mit Standorten in Frankfurt, Aschaffenburg und London konnte seit Gründung 2021 schon mehrere nationale und internationale Investoren für sich gewinnen und beschäftigt aktuell rund 15 Mitarbeitende. Die größte Herausforderung? Der Mangel an Risikobereitschaft in Deutschland. Gerade für junge Startups sind frühe Pilotkunden und Partner enorm wichtig, die nicht nur offen für neue Entwicklungen sind, sondern auch bereit, diese zu testen. „Deutschland hat nicht zu wenig gute Ideen, sondern zu wenig First Mover“, bringt es Erik auf den Punkt. Unternehmen, öffentliche Hand und Investoren müssen mutiger werden, damit Enterprise Software aus Hessen nicht nur smart, sondern auch erfolgreich ist.
Cognitx: Intelligente Datenanalyse für klügere Business-Entscheidungen
Um die optimale Nutzung von Daten geht es auch bei Cognitx: Das Startup hat sich auf intelligente Datenanalyse spezialisiert. „In vielen Unternehmen bleiben wertvolle Erkenntnisse im Verborgenen, weil Daten verstreut und schwer auffindbar sind. Ihre Auswertung ist zudem extrem mühsam und kompliziert. Unsere Lösung bringt Struktur ins Datenchaos und macht aus verborgenen Daten nutzbares Wissen“, erklärt Co-Gründerin Griselda Xhaferi. Gemeinsam mit Mitgründer Gent Zambaku hat sie ein KI-System entwickelt, das Datenanalyse so einfach macht wie ein Gespräch unter Kollegen. Nutzer können dem Tool Fragen stellen wie: „Wie hoch war unser Umsatz im September im Vergleich zum April?“ oder „Welche Produkte liefen in Region X besonders gut?“ Die KI sucht relevante Informationen aus verschiedenen Quellen zusammen und liefert innerhalb kürzester Zeit präzise Antworten.
„Unser Ziel ist, dass jeder Mitarbeiter eines Unternehmens Daten optimal nutzen kann. Ohne Vorkenntnisse, aber mit Vertrauen in die Ergebnisse“, so Griselda. Dafür kombiniert Cognitx Large Language Modelle mit einem eigens entwickelten Compiler: „Das Problem mit Sprachmodellen ist, dass sie – wie der Name sagt – auf Sprache ausgelegt sind, nicht auf Zahlen und Kalkulationen. Das führt zu Fehlern und Halluzinationen. Der Compiler bildet mit deterministischer Logik eine Vermittlungsschicht zwischen den Daten und dem Sprachmodell, um die Richtigkeit der Ergebnisse zu gewährleisten“, erklärt Gent.
Cognitx greift nicht auf einzelne Datenbanken zurück, sondern nutzt eine Vielzahl an Datenquellen: Excel-Tabellen, Textdokumente, Protokolle, E-Mails und mehr. Das macht Aspekte wie Datensicherheit und Data Governance besonders wichtig: Die Unternehmen können bis ins kleinste Detail festlegen, welche Nutzer Zugriff auf welche Datenquellen erhalten. Zudem erklärt die KI transparent, welche Quellen genutzt werden und wie sie zu den Ergebnissen ihrer Datenanalyse kommt.
Zielgruppe des 2024 gegründeten Startups sind Branchen, in denen Datenanalysen eine besonders wichtige Rolle spielen: der Finanz- und Versicherungssektor, IT und Kommunikation, aber auch die Fertigungsbranche und der Einzelhandel. Erste Pilotprojekte mit einer Bank und einem bayrischen Fertigungsunternehmen laufen bereits erfolgreich.
Griselda und Gent kamen aus Albanien für ihr Masterstudium an die TU Darmstadt. Es war naheliegend, Darmstadt als Gründungsstandort zu wählen, denn sie sind eng mit ihrer Alma Mater und dem hessischen Ökosystem verbunden: von Kontakten zu ehemaligen Professoren über HIGHEST, den hessischen Gründerpreis bis zum Inkubator-Programm von hessian.AI. Auf nationaler Ebene hat Cognitx bereits ein EXIST Gründungsstipendium erhalten und bewirbt sich derzeit um eine EXIST Forschungstransfer-Förderung. Neben Kapitalgebern sind Griselda und Gent aktuell auf der Suche nach Talenten, die ihre Mission teilen und ihnen helfen, Cognitx auf das nächste Level zu heben. Interessiert?
Du möchtest weitere Startups kennenlernen, die mit KI-gestützter Enterprise Software die Unternehmenswelt verändern? Die AI Startup Landscape Hessen 2024 bietet einen umfassenden Überblick. Am 15. September präsentiert hessian.AI beim großen Event in Frankfurt die neue Ausgabe der AI Startup Landscape Hessen. Erstmals wird die Ausgabe 2025 durch eine umfassende Datenanalyse des KI-Startup-Ökosystems ergänzt. Stay tuned.

Diese KI- Landkarte ist eine Initiative des Projekts AI Startup Rising von dem Hessischen Zentrum für Künstliche Intelligenz (hessian.AI) und wird in Zusammenarbeit mit bmh, Starthub Hessen/ HTAI, STATION, AI Hub Frankfurt RheinMain, TechQuartier, Highest, Start2, StartMiUp, Science Park Kassel, EXIST, Futury sowie EDITH (weiter-) entwickelt und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) gefördert.
Mehr dazu hier. Die Printansicht des Posters ist hier zum download verfügbar.
Über die Artikelreihe
Hier geht es zu weiteren Artikel aus der Artikelreihe „Hessens KI-Vorreiter“ und hier zu weiteren Artikeln mit dem Schwerpunkt Künstliche Intelligenz.
Die Artikelreihe „Hessens KI-Vorreiter“ zeigt, wie Startups mit KI-Innovationen frischen Wind in die verschiedensten Branchen bringen. Die Reihe orientiert sich am Branchencluster der AI Startup Landscape Hessen. Diese KI- Landkarte ist eine Initiative des Projekts AI Startup Rising von dem Hessischen Zentrum für Künstliche Intelligenz (hessian.AI) und wird in Zusammenarbeit mit bmh, Starthub Hessen / HTAI, STATION, AI Hub FFM, Tech Quartier, Highest, Start2, StartMiUp, Science Park Kassel, EXIST sowie EDITH (weiter-) entwickelt und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) gefördert. Ansprechperson und Co-Autorin des ersten Artikels: karin.gessler@hessian.ai, AI Startup Rising | hessian.ai
