Frischepost startet Verkauf in Mainz – “Wir wollen ein gesellschaftliches Umdenken”
Frischepost Mainz Team. Copyright Foto: L. Greiner Medienagenten

Der Onlineshop ist schon online, am Mittwoch ist dann endlich der erste Liefertag – und das sogar zwei Wochen früher als geplant: Frischepost aus Hamburg fasst jetzt auch in Mainz Fuß. Das junge Unternehmen liefert nachhaltig produzierte Lebensmittel direkt an die Haustür und will seine Kund:innen für gute Produkte aus der Region begeistern. Wenn es nach Investor Matthias Willenbacher und der Standortleiterin Anna Gödrich geht, setzt damit bald auch ein Mentalitätswantel bei den Konsument:innen ein. Uns haben sie im Interview erklärt, wie sie das erreichen wollen und wieso ihnen das Projekt so wichtig ist.

Wie kommt es, dass ihr Mainz als neuen Standort ausgewählt habt?

Willenbacher: Ich lernte die beiden Hamburger Gründerinnen von Frischepost voriges Jahr im Zuge einer Finanzierungsrunde kennen und war angesichts des sehr durchdachten, auf Nachhaltigkeit und Fairness setzenden Konzepts sofort begeistert. Innerhalb von fünf Jahren bauten Juliane Willing und Eva Neugebauer ein Unternehmen auf, das mittlerweile 80 Mitarbeiter beschäftigt und die Produkte von über 200 verantwortungsvollen Produzenten vermarktet. Bei Letzteren handelt es sich überwiegend um kleine Höfe und Manufakturen aus Norddeutschland. Vom frischen Heidelbeerjoghurt aus dem Elbumland bis zum liebevoll per Hand abgefüllten Waldhonig aus Pinneberg bietet Frischepost alles, was das Hamburger Herz begehrt. Nun gilt es, weitere Standorte innerhalb Deutschlands aufzubauen – dabei möchte ich dem Frischepost-Team mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das Rhein-Main-Gebiet liegt mir als Wahl-Mainzer natürlich besonders am Herzen. Gemeinsam mit unserer Standortleiterin Anna Goedrich möchte ich auch hier das Bewusstsein der Menschen für Nachhaltigkeit und die Wertschätzung regionaler, qualitativ hochwertiger Lebensmittel fördern.

Auf welche besonderen Herausforderungen und Bedingungen seid ihr in der Region gestoßen?

Gödrich: Es war überraschend schwierig für uns, ein geeignetes Lager zu finden, da freie Fläche hier Mangelware ist. Jetzt haben wir aber eine großartige Lösung gefunden und freuen uns, dass wir starten können. Ansonsten macht es aber super viel Spaß, weil wir durch die rheinhessische Offenheit immer auf interessierte Erzeuger:innen stoßen, die gerne mit uns zusammenarbeiten wollen. Außerdem haben wir natürlich ein bisschen mehr Wein im Sortiment als unsere große Schwester in Hamburg. Frischer Fisch ist in Hamburg auch leichter zu bekommen.

Wie liefen die Startvorbereitungen?

Gödrich: Corona hat uns einige Hürden in den Weg gelegt, mit denen wir vorher nicht rechnen konnten. Angefangen bei Schwierigkeiten Inventar zu bekommen, weil den Speditionen Personal fehlt bis hin zu der Herausforderung Klopapier für unser Sortiment zu finden. Auch unsere Erzeuger:innen hatten ein wenig zu kämpfen, weil ihnen die Erntehelfer fehlten – dadurch war die Kommunikation und Planung ein bisschen komplizierter. Wir haben das aber gemeinsam super gemeistert und können nun zwei Wochen früher als geplant an der Start gehen.

Wie wird euer Unternehmen durch Corona beeinträchtigt und wie wirkt ihr dem entgegen?

Willenbacher: Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen hat der Lebensmittelhandel nicht ausschließlich mit negativen Auswirkungen der aktuellen Corona-Krise zu kämpfen. Gerade das Frischepost-Konzept birgt entscheidende Vorteile, die den Menschen in einer herausfordernden Situation wie dieser zugutekommen. Der Blick nach Hamburg zeigt: Zwar ist das B2B-Geschäft erst einmal eingebrochen – die Bestellungen im B2C-Bereich haben sich jedoch innerhalb der vergangenen drei Wochen verfünffacht. Von dem Frischepost-Lieferservice profitieren all jene Menschen in besonderem Maße, die aufgrund des Infektionsrisikos derzeit nicht einkaufen gehen. Trotz der drastischen Alltagsbeschränkungen muss niemand auf frische, nachhaltig produzierte Lebensmittel aus der Region verzichten. Die Lieferung durch Frischepost erfolgt übrigens ausschließlich mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen und ist aktuell kontaktlos.

Auch insgesamt geht der Trend klar in Richtung eines wachsenden Online-Geschäfts im Nahrungsmittelbereich. Lag der Anteil der deutschen Online-Verkauf-Nutzer von Lebensmitteln im Jahre 2015 noch bei lediglich 18 Prozent, so liegt er heute bereits bei 27 Prozent – Tendenz steigend.

Dennoch: Im europäischen Vergleich hinkt Deutschland bislang hinterher. In Großbritannien nutzen beispielsweise schon 37 Prozent der Konsumenten den Online-Handel für Nahrungsmittel (2015: 25 Prozent).

Was erwartet ihr für die nächsten Wochen/Monate?

Gödrich: Wir hoffen die Idee wird hier genauso gut angenommen wie in Hamburg, sodass wir einen guten Start erwischen und schnell wachsen können, um unser Liefergebiet auszuweiten. Abgesehen davon freuen wir uns auf unsere neuen Kund:innen und Produzenten. Es kommen immer mehr frische Produkte in Saison, wie Spargel und Erdbeeren. Es ist natürlich auch schön, da an der Quelle zu sitzen.

Woher kommt eure Passion für Nachhaltigkeit, vor allem in Verbindung mit Landwirtschaft?

Willenbacher: Ich wuchs auf dem Schneebergerhof in der Nordpfalz auf und erlebte die Herausforderungen und Funktionsweisen eines landwirtschaftlichen Betriebs daher täglich hautnah. Wir aßen unsere eigenhändig angebauten Nahrungsmittel und lebten damit nach der Devise „Vom Garten auf den Teller“. Eigenversorgung war für mich kein modernes Lifestyle-Konzept, sondern stets Ausdruck einer bodenständigen, selbstbestimmten Lebensweise. In meiner Studienzeit beschäftigte ich mich zunehmend das Feld der Energiegewinnung; ich entwickelte ein umfassendes Bewusstsein für die Endlichkeit von Ressourcen. Trotz zahlreicher Hindernisse baute ich schließlich im Jahre 1996 für eine Million Mark mein erstes Windrad auf dem elterlichen Hof. Ich habe mir den unermüdlichen Einsatz für eine nachhaltige, erstrebenswerte Zukunft zur Lebensaufgabe gemacht und blicke zuversichtlich nach vorn. Mittlerweile investiere ich Kraft, Zeit und Kapital in Startups, die Ökonomie und Ökologie sinnvoll miteinander verknüpfen. Visionäre „grüne“ Jungunternehmen mit skalierbarem Geschäftsmodell sind in der Lage, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen beachtlichen Ausmaßes zu bewirken. Ich begleite sie hierbei mit helfender Hand – so auch Frischepost.

Gödrich: Als studierte Ökotrophologin weiß ich einfach, dass gute Lebensmittel viel wert sind und würde den Erzeugern gerne wieder die Wertschätzung entgegenbringen, die sie verdienen.

Wo wollt ihr mit Frischepost hin, wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Willenbacher: Unsere Zielvorstellung für die kommenden Jahre umfasst zweierlei: Wir wollen sowohl das Frischepost-Konzept im Rhein-Main-Gebiet erfolgreich etablieren als auch ein – sicherlich schwer erfassbares – gesellschaftliches Umdenken in puncto Lebensmittelbezug anstoßen. Im Ergebnis wird beides den Anteil regionaler Produkte am Gesamtwarenverkehr erhöhen. Bereits heute bewerten acht von zehn deutschen Konsumenten die Regionalität eines Lebensmittels als wichtig für ihre Kaufentscheidung. Da stellt sich die Frage: Weshalb verzichten trotzdem derart viele von ihnen auf den Kauf regionaler Produkte? Ausweislich des Konsumbarometers 2019 nennen 52 Prozent den hohen Preis als ausschlaggebendes Kriterium. Gerade einmal vier von zehn Konsumenten sind bereit, für Lebensmittel aus der Heimatregion etwas zu bezahlen.

Hier setzt Frischepost an: Durch größtmögliche Transparenz und die stets mit dem Online-Vertrieb einhergehende Aufklärungsarbeit schafft das Jungunternehmen Bewusstsein für ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis in der Lebensmittelbranche. Unsere Kund:innen werden vollumfänglich informiert über Qualitätsstandards, Produktionsbedingungen und die Vorteile regionaler Lieferketten. Hierdurch steigt die Bereitschaft, für qualitativ hochwertige, nachhaltig produzierte Lebensmittel etwas mehr auszugeben. In anderen Konsumbereichen – beispielsweise bei technischen Geräten oder Markenbekleidung – orientieren sich viele Menschen bereits an Merkmalender Qualität. Erst recht sollte dies für den Lebensmittelkauf gelten, denn hierbei geht es um unser höchstes Gut: unsere Gesundheit.

Übrigens – 64 Prozent der Deutschen wünschen sich insgesamt mehr Unterstützung und Förderung heimischer Produkte. Ich sage: Wir nehmen den Auftrag an.

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