Exklusivinterview: Wie die Commerzbank ihr Herz für Gründer entdeckt

Vor einigen Tagen haben die Commerzbank und die Beratungsplattform firma.de verkündet, in Zukunft gemeinsam Unternehmensgründer in ganz Deutschland unterstützen zu wollen. Warum Startups eine interessante Zielgruppe für den Finanzkonzern sind, welche Synergien sich durch die Kooperation mit firma.de ergeben und wie digital die Commerzbank heute schon tickt, hat uns Tim Hesse (l.), zuständig für die Unternehmerkunden der Commerzbank, im Interview erklärt.  

Tim, wie bist du bei der Commerzbank gelandet und was ist dort deine Rolle?

Ich bin seit der Ausbildung bei der Commerzbank. Nach meinem Studium an der Frankfurt School of Finance bin ich dort im Jahr 2005 in das Firmenkundengeschäft eingestiegen und habe seitdem vor allem Unternehmen aus dem Mittelstand betreut. Seit zwei Jahren bin ich “Marktregionsleiter Unternehmerkunden Mitte”. Damit bin ich für alle Freiberufler, Gewerbetreibende und Unternehmer sowie Startups und Gründer zwischen Kassel und Saarbrücken verantwortlich, die bis zu 15 Millionen Jahresumsatz erwirtschaften. Das mache ich natürlich nicht alleine, sondern gemeinsam mit 21 regionalen Führungskräften, die an insgesamt 29 Standorten wiederum ihre eigenen Teams haben.

Worauf kommt es bei der Betreuung dieser Unternehmerkunden besonders an?

Ein spezielles Merkmal ist, dass sich in den meisten Fällen – und das ist gerade bei Unternehmensgründern der Fall – die privaten finanziellen Angelegenheiten nicht von den geschäftlichen Interessen trennen lassen. Unsere Berater sind dafür geschult, dies im persönlichen Gespräch zu berücksichtigen. Gerade mit Blick auf die wachsende Zahl an Startups, die wir betreuen, ist es natürlich wichtig, dass wir auch unser digitales Angebot kontinuierlich ausbauen.

Warum sind Startups als Kunden plötzlich so spannend für die Commerzbank? Und wann hast du begonnen, dich intensiver mit der Gründerszene zu beschäftigen?

Wir wollen bei Unternehmerkunden massiv wachsen und unseren Marktanteil in diesem Segment bis 2020 von fünf auf acht Prozent ausbauen. Deshalb sprechen wir jetzt auch Gründer gezielt an, die bisher bei uns nicht so stark im Fokus standen. Angesichts von mehr als einer halben Million Gründern pro Jahr in Deutschland wollen und müssen wir dieses Potenzial nutzen. Das gilt auch für mich. Also habe bin ich rausgegangen und habe mich mit zahlreichen Startups und Initiativen ausgetauscht, beispielsweise mit dem Gutenberg Digital Hub in Mainz oder den Business Angels FrankfurtRheinMain. Ich arbeite außerdem regelmäßig im TechQuartier. Sehr hilfreich für mich war natürlich auch der enge Austausch mit dem Team vom main incubator, unserer F&E-Einheit in der Commerzbank Gruppe.

Als Kapitalgeber sind die traditionellen Banken bei jungen Startups nicht gerade hoch im Kurs. Warum sollte man dann ausgerechnet von der Commerzbank seine Finanzen managen lassen?

Für uns ist ganz klar: Wir sind kein Venture-Capital-Geber, möchten jungen Unternehmern aber mit passenden Angeboten und Services zur Seite stehen. Hier gehen wir zunächst pragmatisch vor und bieten Startups ein Paket mit Konto, einer Kreditkarte sowie einem Kontokorrent-Rahmen bei entsprechender Bonität. Das klingt vielleicht unspektakulär, ist aber für ein junges Unternehmen entscheidend, um operativ tätig zu werden. Unsere Konto-Antragsstrecke ist übrigens komplett digital, so dass der Unternehmer auch mitten in der Nacht ein Geschäftskonto bei uns eröffnen kann. Und nochmals: Wir haben ein flächendeckendes Netz an Unternehmerkunden-Beratern, die die private und geschäftliche Seite des Kunden berücksichtigen.

Mit firma.de habt ihr seit Kurzem einen Partner an Bord, der auf Gründerberatung spezialisiert ist. Seit wann läuft die Kooperation?

Hier sind wir tatsächlich wie ein Startup vorgegangen, nach dem Motto “Trial and Error“: Wir haben die Kooperation als Pilot für sechs Monate auf regionaler Ebene in der Marktregion Mitte getestet – mit Erfolg. Im November haben wir das Konzept dann bundesweit ausgerollt. Das war ein unglaublich dynamischer Entscheidungsprozess.

Wie ergänzen sich die Commerzbank und firma.de? Und welche Vorteile bringt die Zusammenarbeit einem jungen Unternehmer?

Wir verbinden die finanzielle Beratungskompetenz der Commerzbank mit der inhaltlichen und prozessualen Expertise von firma.de bei der Gründung von Gesellschaften und können so noch besser die Perspektive des Gründers einnehmen. Zudem ergänzen sich firma.de und die Commerzbank hervorragend. Ziel beider Partner ist es, den Start in die Selbstständigkeit zu vereinfachen und zu beschleunigen. So kommen oft Gründungsinteressierte zu uns, deren Geschäftsmodell noch nicht ausgereift ist. Hier können wir den Kontakt zu firma.de herstellen und über deren Gründerberater-Netzwerk dort ansetzen, wo gerade Unterstützung gebraucht wird. Andersrum kommen über unseren Partner Startups zu uns, die nur noch ein Konto benötigen, um mit ihrem Business loslegen zu können. Das steigert unsere Liefer- und Leistungsfähigkeit erheblich und davon profitieren Gründer und Startups.

Ist es vorstellbar, dass die Zusammenarbeit mit firma.de in Zukunft noch enger wird, beispielsweise in Form einer gemeinsamen Marke?

Wir prüfen gemeinsam kontinuierlich, welchen weiteren Mehrwert wir Gründern und Startups bieten können. In der Commerzbank arbeiten wir gerade an einer Plattform, die den Gründungsprozess informativ komplett abbilden und damit Gründungsinteressierten das Leben massiv erleichtern soll. Hier wird sicherlich auch unsere Kooperation mit firma.de mit deren Leistungsspektrum Berücksichtigung finden. Details kann ich aber noch nicht verraten.

Wie haben sich denn eure Zahlen seit der “Gründer-Offensive” entwickelt?

Seit dem Start vor rund einem Jahr haben bundesweit mehr als 10.000 Kunden unser neues Gründer-Angebot abgeschlossen, das ist sehr ordentlich. Wir haben hier sicher noch nicht die Endstufe erreicht, wir wollen mehr. Man muss allerdings auch beachten, dass wir unser Gründer-Angebot bislang nur sehr verhalten werbewirksam begleitet haben. Von daher ist diese Entwicklung schon beachtlich.

Welche Startups unter euren Kunden kennt man im Ökosystem FrankfurtRheinMain?

Viele kennen sicher kantwert, ein Startup aus dem Bereich Data Analytics, das mit öffentlich zugänglichen Daten die Wirtschaft als Netzwerk nachbildet. Durch innovative Analysetools werden Verbindungen zwischen Unternehmen, Institutionen und Personen transparent und für Unternehmen vielseitig nutzbar. kantwert hat bereits etliche Banken und Versicherungen als Kunden. Auch wir nutzen die Anwendungen für immer mehr Use Cases, vor allem in den Bereichen Compliance und Sales. Darüber hinaus haben wir die Gründer der Connfair GmbH & Co KG in Darmstadt von Anfang an begleitet. Connfair entwickelt eine Plattform zur standardisierten Digitalisierung von Messen, Kongressen und ähnlichen Events und unterstützt seine Kunden aktuell bereits mit innovativen Lösungen zur Durchführung des Ticketing und Einlassmanagements.

Die Commerzbank ist bemüht darum, digitaler zu werden und hat sich für Startups als Kunden geöffnet. Inwieweit trägt das auch zu einem Kulturwandel in einem solchen Traditionsunternehmen bei?

Unsere Strategie zeigt klar, in welche Richtung es geht: Bis 2020 wollen wir 80 Prozent der kundenrelevanten Prozesse digitalisiert haben, und zwar bei einer konsequenten Ausrichtung auf den Kunden. Das spürt man natürlich in der täglichen Praxis. Erste Angebote für Unternehmer sind ein digitales Leasing, der Cash Radar für die Liquiditätsplanung und -vorhersage sowie eine neue Nachfolgeplattform. Außerdem machen wir unsere Mitarbeiter fit für die Digitalisierung. So durchlaufen zum Beispiel alle unsere Führungskräfte ein Digitalisierungsprogramm, in dem sie lernen, wie digitale Geschäftsmodelle funktionieren und welche Methoden der agilen Zusammenarbeit es gibt.

Stirbt die Bankfiliale aus?

Auf keinen Fall. Auch im digitalen Zeitalter wollen mehr als 90 Prozent der Kunden nicht auf persönliche Beratung verzichten. So gibt es jeden Tag bankweit rund 450.000 Menschen, die in unsere Filiale kommen – und es werden nicht weniger. Entsprechend ist es neben einem modernen digitalen Angebot weiterhin wesentlich, für unsere Kunden den persönlichen Kontakt mit unseren Beratern vor Ort sicherzustellen. Deshalb ist unsere Strategie digital und persönlich.

Wie schätzt du das Potenzial unseres Ökosystems in Frankfurt und Umgebung ein?

Eines ist ganz offensichtlich: Die Akteure, mit denen ich mich austausche, eint ein großer Wille, richtig was zu bewegen. Um das Potenzial aber auch vollständig auszuschöpfen, sollten sich die einzelnen Initiativen noch stärker miteinander vernetzen – das gilt für Leuchttürme wie das TechQuartier genauso wie für Investoren, Business Angels und Acceleratoren. Und auch wenn wir in Frankfurt den Fintech-Bereich als Flagschiff haben: Es gibt noch viel mehr großartige Ideen, für deren Umsetzung wir die Grundlagen schaffen müssen.

Tim, wenn du selbst gründen würdest: Welche Branche würde dich reizen? Und hast du vielleicht sogar eine konkrete Idee?

Ich bleibe meiner Leidenschaft, Unternehmer und Startups zu begleiten, treu. Ich würde – wenn ich selbst gründen würde – eine digitale und analoge Plattform schaffen, auf der sich etablierte Unternehmer mit Startups vernetzen können. Die Startups sind meist hoch innovativ und digital-affin, haben aber noch keinen Kundenzugang. Unternehmer haben in der Regel Kapital und einen bestehenden Kundenstamm. Ferner benötigen sie häufig eine Weiterentwicklung ihres Geschäftsmodells, um in den bestehenden Märkten attraktiv zu bleiben oder neue Märkte zu erschließen. Hier besteht meines Erachtens ein großes Potenzial für Kooperationen jeglicher Art. Und eventuell findet der Unternehmer auf diesem Weg auch einen Nachfolger? Also eine klare Win-Win-Situation. Ich werde das Thema in den kommenden Tagen mal weiterdenken…

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