flyingshapes: “Ohne Investoren kaum zu finanzieren”
Foto: flyingshapes

Physikstudium, Abschlussarbeit über Teilchenphysik, Aufenthalt beim CERN in Genf: Schon an der Uni teilten Jonas Kunze (l.) und Johannes Mattmann (r.) gemeinsame Interessen. Auch beim Thema Virtual Reality (VR) waren sie auf einer Wellenlänge und entwickelten die  Idee für ihr Startup flyingshapes. Kurz bevor die Mainzer Gründer nun die erste Version ihrer speziellen Design-Software auf den Markt bringen, haben wir mit Co-Founder Mattmann über ihr Produkt, potenzielle Kunden und unser Ökosystem gesprochen.

Johannes, Bühne frei für euren Elevator-Pitch!

flyingshapes entwickelt eine Virtual-Reality-Software, vor allem für Produktdesigner und Architekten. Von der ersten Freihandskizze bis zum fertig produzierbaren 3D-Modell ist der komplette Entwurf mit einer handelsüblichen VR-Brille plus Controllern möglich und kann dabei immer räumlich erlebt werden. Dadurch hat der Designer stets eine sehr genaue und naturgetreue Vorstellung, wie das Produkt aussieht und kann dadurch schneller und effizienter arbeiten.

Ihr habt euer Unternehmen 2017 gegründet. Was war auf dem bisherigen Weg von flyingshapes die größte Herausforderung?

Wir befinden uns wahrscheinlich gerade mitten in der bisher größten Herausforderung. Seit Januar läuft unser Betatest mit externen Kunden aus verschiedenen Bereichen. Dadurch sind wir natürlich mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert, sowohl entwicklungsseitig als auch im Hinblick auf den Release und die anstehende Markteinführung. Da wir die Beta gleich international verbreiten, haben wir viel Feedback mit ganz unterschiedlichem Hintergrund, müssen aber auch schon den entsprechenden Support leisten.

Das klingt spannend. Kannst du etwas näher auf das eigentliche Produkt eingehen?

Das Produkt ist eine VR-Profilösung und ganz neuartig, daher ist es auch eine völlig ungewohnte Erfahrung für die Nutzer. Von unseren Betakunden lernen wir gerade viel darüber, welche Features besonders gut ankommen und wie wir zukünftig Schulungen und Tutorials konzipieren müssen. Da viele Nutzer noch keine VR-Erfahrung haben, müssen sie sich zum Anfang etwas hineinfinden. Dann wird die Software aber als deutlich intuitiver geschätzt als andere Produkte.

Was ist der konkrete Mehrwert von flyingshapes für Unternehmen?

Unsere Software setzt an mehreren kritischen Punkten im klassischen Designprozess an. Ganz besonders sehen wir die ständige räumliche Arbeitsweise in VR als großen Vorteil gegenüber bisherigen Desktop-Lösungen. Als Designer habe ich von der ersten Skizze an einen räumlichen Eindruck meines Entwurfs, das erlaubt ein ganz anderes Gestalten und spart viel Zeit unter anderem für den Modellbau ein. Da ich direkt räumlich vor mir sehe, woran ich arbeite, kann ich viel schneller verschiedene Konzepte testen und bewerten. Dazu kommen noch Kollaborationsfunktionen, das heißt ich kann in der virtuellen Umgebung direkt mit Kollegen an einem gemeinsamen Entwurf arbeiten. Das funktioniert so richtig auch erst in VR und bringt unseren Kunden mit mehreren Standorten einen großen Vorteil in ihrer Organisation.

Aus welchen Branchen kommen eure Kunden und wo kommt eure VR-Software zum Einsatz?

Unsere Software hilft Designern bei der Formfindung. Besonders interessant ist das für Produktdesigner und Fahrzeugdesigner, natürlich auch für Studenten in diesen Bereichen. Aber auch für Architekten, bei denen das räumliche Erlebnis im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht sehen wir als Kernzielgruppe. Aktuell schauen wir uns den Bereich Handwerk an, auch dort gibt es gestalterische Arbeiten mit CAD, die wir sehr spannend finden. Konzeptionell ist unser Produkt zunächst auf den Einsatz in einem Designstudio oder einer Designabteilung zugeschnitten, aber auch der Freelancer-Produktdesigner wird abgeholt. Hier in Deutschland ist unser Ziel natürlich, die großen Automobil- und Konsumgüterhersteller als Enterprise-Kunden zu gewinnen.

Wie sieht denn die Zusammenarbeit mit einem Kunden in der Praxis aus, gerade im Hinblick auf spezielle Anforderungen einzelner Unternehmen? Skizziere uns doch mal ein Beispiel.

Am interessantesten ist hier wahrscheinlich ein Industriekunde, beispielsweise aus der Automobilindustrie. Sobald unser Produkt auf dem Markt ist, kann jeder Kunde es einfach über unsere Website kaufen, wie bei einer klassischen Software “von der Stange”. Großkunden aus der Industrie haben allerdings in der Regel spezielle Anforderungen, zum Beispiel zur Vertraulichkeit von Design-Entwürfen. Daher bieten wir diesen Kunden eine “On-Premises-Lösung” an, also eine private Cloud, die auf den jeweiligen internen Unternehmensservern eingerichtet wird. Dazu schicken wir speziell geschulte Vertriebsmitarbeiter zum Kunden, die in Abstimmung mit der IT des Kunden den Setup-Prozess betreuen. Diese Kunden haben dann natürlich auch Zugang zu einem Premiumsupport mit allen Vorzügen wie einer kurzen Response-Zeit.

Wir vermuten mal, dass es ihr eure Software nicht zum kostenlosen Download anbieten werdet…

Wie in unserem Bereich inzwischen üblich, werden wir ein Abomodell anbieten, das heißt unser Produkt als SaaS-Lösung vertreiben. Die Einstiegsversion wird für alle Kunden gratis aber natürlich etwas eingeschränkt sein, außerdem wird es eine kostenfreie Studentenversion geben. Ziel der Einsteigerversion ist, dass Nutzer, die eine VR-Brille und zum Beispiel einen 3D-Drucker zuhause haben, nicht-kommerziell damit arbeiten können. Sobald ich die Software kommerziell einsetze, muss ich dann entsprechend eine Lizenz erwerben.

Wie siehst du aus Dienstleister-Sicht den Digitalisierungsfortschritt in Deutschland, gerade in Unternehmen aus den klassischen Industriesegmenten?

Da wir bieten ja “nur” ein Produkt anbieten, sehen wir uns nicht als Dienstleister. flyingshapes als Software ist natürlich selbst ein Beitrag zur Digitalisierung. Zwar gibt es bereits CAD-Anwendungen, die digital arbeiten, aber wir weiten den Anwendungsbereich auf vormals analoge Schritte im Designprozess aus. Außerdem verbessern wir die Integrität der Datenhaltung in dem Prozess, d.h. wir arbeiten auf eine umfassendere PLM-Integration für den Designprozess hin.

Wie steht’s denn um eure eigene Finanzierungssituation? Gibt es Investoren, die euch unterstützen?

Wir haben bereits Marc Koehnemann als Business Angel und BITO Campus als Investor an Bord. Ein Deep-Tech-Thema wie das unsere lässt sich ohne Investoren auch ehrlich gesagt kaum finanzieren. Tatsächlich sind wir auch aktuell wieder auf der Suche nach einer Anschlussfinanzierung – wer also Interesse an einem spannenden und vielversprechenden VR-Investment mit großem Potenzial hat, kann sich sehr gerne bei uns melden.

Wo seht ihr euch und euer Unternehmen in fünf Jahren?

Wir stellen in den nächsten Jahren die Weichen für ein starkes Wachstum und wollen von Anfang an auch den internationalen Markt adressieren. Natürlich setzen wir im Enterprise-Vertrieb auf unsere Industriekontakte in Deutschland und den umgebenden EU-Staaten, wir haben aber bereits heute Beta-Kunden aus den USA, Australien und Kanada. In fünf Jahren sehen wir uns dementsprechend als etablierten Player im Bereich CAD und VR-Software auf internationalem Level mit einem weiterhin starken Wachstumsfokus.

Warum ist das Rhein-Main-Gebiet für euch der richtige Ort, um zu gründen?

Mit den Universitäten und Fachhochschulen hier in der Region sind wir sowohl für Kooperationsprojekte als auch natürlich zur Mitarbeitergewinnung sehr gut aufgestellt, wir unterhalten entsprechend auch gute Kontakte zu den Lehrstühlen. In Mainz sind außerdem die Wege recht kurz, wichtige Kontakte in der Frühphasenförderung eines Startups sind hier direkt vor Ort für uns erreichbar. Dazu kommt natürlich, dass wir von hier aus sehr gut Kunden in ganz Deutschland erreichen können und auch einige unserer Wunschkunden wie Opel hier in der Region ansässig sind.

Wie nehmt ihr die Entwicklung unseres Startup-Ökosystems wahr?

Die Unterstützung, die man als Startup bekommt, wird sowohl von staatlicher als auch von privater Seite immer besser ausgebaut und auch die Vernetzung wird enger. Je mehr Startups mit einem ähnlichen Profil in der Umgebung angesiedelt sind, desto stärker ist ein Standort nach unserer Meinung. Da hat sich auch in den letzten drei Jahren einiges getan: Wir haben heute einige befreundete Gründer, mit denen wir uns regelmäßig austauschen und von deren Erfahrungen wir profitieren können. Umgekehrt teilen wir natürlich auch gerne unser Know-How, zum Beispiel wenn es um Finanzierung und organisatorische Fragen geht. Da sehen wir Orte wie Berlin oder natürlich die klassischen Startup-Zentren zwar noch im Vorteil, aber wir holen auf und stärken unser Netzwerk hier vor Ort.

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